WW1: Eine Oper in fünfzehn Akten

Alle haben es eilig am Gare de l'Est. Schließlich ist der Bahnhof Dreh- und Angelpunkt für über 120.000 Reisende am Tag. Nur die Wenigsten im Strom der Vorbeieilenden erblicken die im Boden der Tickethalle eingelassene Metallplakette, den historischen „Punkt Zero“. Denn von hier aus brachen 1849 die ersten Züge nach Straßburg und am 4.Oktobers 1883 der legendäre Orient Express zu seiner Jungfernfahrt auf. Doch nicht nur spektakuläre Ereignisse der Eisenbahnhistorie nahmen ihren Anfang auf den Gleisen des Ostbahnhofs. Blickt man vom „Punkt Zero“ aus nach oben, entdeckt man ein 60 Quadratmeter großes Kunstwerk, das am Kopfende der Alsace-Halle hängt. „Le Départ des poilus, août 1914“, ein Geschenk des amerikanischen Malers Albert Herter, zeigt eine außergewöhnliche Abschiedsszene am Bahnhof. Ein junger Soldat steht in einer offenen Wagentür. In der einen Hand die Blume am Gewehr, in der anderen schwenkt er eine Kappe. Everit, der Sohn des Malers, verabschiedete sich 1914 an die Front. Er kehrte nicht wieder. 1918 fiel er im Nordosten Frankreichs. Das 1926 entstandene Fresko schuf Herter als Andenken an die gefallenen Soldaten des Ersten Weltkriegs.

Das Gemälde, das auf dem Einband des – vorab – großartigen und beeindruckenden Romans von Jean Echenoz abgedruckt ist, steht zugleich als zentrale Eröffnungsallegorie. Von hier lässt der französische Autor seine fünf Protagonisten ebenfalls in den Krieg ziehen. Anthime, Charles, Padioleau, Bossis und Arcenel verabschieden sich unbeschwert und voller Zuversicht („… das ist ein Sache von zwei Wochen, höchstens…“) von ihren Freunden und Bekannten, unter denen auch Blanche steht, eine junge Frau, die zu den beiden Erstgenannten eine besondere Beziehung zu haben scheint. Doch was im Sommer 1914 mit einem fröhlichen Defilee beginnt, sollte sich alsbald „zwei Wochen später, drei Wochen später, nach weiteren Wochen und abermals weiteren, als es anfing zu regnen und die Tage immer kürzer wurden und immer kälter“, als „die Dinge sich durchaus nicht so entwickelten wie angenommen. (…) die Dinge schon sehr bald maßlos schlimmer“ wurden, zu einer der brutalsten menschlichen Auseinandersetzungen auswachsen.

Rund 17 Millionen Menschen ließen ihr Leben in den Schützengräben eines grausamen Stellungskrieges. Die Zahl derer, die diese Hölle überlebten und danach keinen Frieden fanden, kann vermutlich noch kumuliert werden. „Einer aus der grauen Masse (…) muss für alle sprechen, muss das Gespenst der Vergangenheit stellen, am Kreuzweg um Mitternacht, muss es packen und halten und noch einmal mit Lebensblut erfüllen – damit es Zeugnis ablege und ihnen allen die Ruhe bringe, allen, die für immer schweigen, und allen, auf denen heute noch der Druck unklaren Erinnerns, geteilter Gefühle, zerrissenen Empfindens liegt.“, schreibt Erich Maria Remarque in seinem Roman „Im Westen nichts Neues“. Detailliert, bildhaft und mit einer leicht verständlichen Sprache berichtet er über die Verrohung der menschlichen Seele als logische Konsequenz aus der immerwährenden Bedrohung durch Bomben, Granaten, Gewehrfeuer und Giftgaseinsatz. Was bleibt ist Resignation zum Selbstschutz, das Einstellen allen Denkens und die Fügung in sein eigenes Schicksal. Nun hat sich Jean Echenoz diesem Thema, dass schon so oft in Buchstaben gepresst wurde, angenommen. Doch wie der französische Autor seinen kurzen Text aufbaut, strukturiert und entfaltet, sucht wahrscheinlich seinesgleichen.

Im steten Wechsel der Kapitel wirft er abwechselnd aus der Sichtweise von zunächst Anthime und Blanche, später auch der anderen Protagonisten, einen Blick auf das dramatische Geschehen. Wie im Zeitraffer über einen Zeitraum von vier Jahren, eher mit vagen Andeutungen als in direkten Formulierungen, berichtet ein auktorialer Erzähler, zuweilen gar in Passivsätzen, von den Verwicklungen der jeweiligen Personen und Szenarien mit- und untereinander. Zumeist sind es kurze Beschreibungen, die eine Gesamtsituation umreißen. Mitunter lässt sich Echenoz jedoch auch ausufernd aus. Dann ergeht er sich zum Beispiel über mehrere Seiten ausführlich in der Beschreibung des Marschgepäcks der Soldaten oder in Ausführungen über die Tierwelt, Ratten, Flöhe und Läuse inklusive. Scheinbar schwerelos und wie nebenher gleicht sein Erzählton dem eines staunenden, ungläubigen, ja, naiven Beobachters, der die Erlebnisse zwar auf- und wahrnimmt, aber nicht einordnen kann. Emotionale Regungen und Gefühle werden dadurch weitestgehend verbannt. Alles hat den Anschein einer „analytischen“ Betrachtungsweise. Doch gerade dieser scheinbar unbekümmerte, emotionslose Minimalismus gräbt sich mit doppelter Intensität ins Bewusstsein und offenbart dem Leser den Zustand der Soldaten auf den Schlachtfeldern, denen der Schmerz aus den Hirnen gesaugt wurde, so dass sie den Zustand der Welt nicht mehr erkennen und wahrnehmen konnten: „… ihm war, als würde er zwei, drei Garben Blut spritzen sehen (…) glaubte er zu sehen, wie die Männer direkt vor seinen Augen andere Männer durchlöcherten und dann schossen, um mittels Rückstoß die Klinge wieder freizubekommen.“

Fazit: „All das ist schon tausendfach beschrieben worden, vielleicht lohnt es sich gar nicht weiter, sich bei dieser stumpfsinnigen, stinkenden Oper aufzuhalten. Vielleicht ist es übrigens nicht einmal sehr nützlich oder treffend, den Krieg mit einer Oper zu vergleichen, schon gar nicht, wenn man kein besonderer Freund der Oper ist, obgleich der Krieg wie sie gewaltig ist, atemberaubend, exzessiv, voller quälender Längen, wie sie furchtbar viel Lärm macht und auf die Dauer meist auch ziemlich langweilig ist.“ Im Gegenteil: Jean Echenoz' „14“, kongenial von Hinrich Schmidt-Henkel ins Deutsche übertragen, entpuppt sich als kleines, großes Werk, das gerade durch Auslassungen das Geschehen intensiviert, „so wie eine geringfügige Einschränkung dem Gesetz mehr Kraft verleiht oder ein Klecks Komplementärfarbe die Wirkung einer monochromen Fläche enorm verstärkt, wie ein einziger Kratzer die Glätte einer vollkommenen Fläche hervorhebt und eine kurze Dissonanz einen kraftvollen Durakkord erstrahlen lässt…“
125 Seiten, mehr bedarf es nicht, um alles zu sagen. Ein außergewöhnlicher, ein einzigartiger und unbedingt zu empfehlender Text des französischen Altmeisters.

Jean Echenoz
14
Aus dem Französischen von Hinrich Schmidt-Henkel
Titel der Originalausgabe: 14
Hanser Berlin Verlag (Februar 2014)
128 Seiten, Gebunden
ISBN-10: 3446245006
ISBN-13: 978-446-24500-6
Preis: 14,90 EUR

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Heike Geilen, geboren 1963, studierte Bauingenieurswesen an der Technischen Universität Cottbus. Sie arbeitet als freie Autorin und Rezensentin für verschiedene Literaturportale. Von ihr ist eine Vielzahl von Rezensionen zu unterschiedlichsten Themen im Internet zu finden.

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