„Zusammen schaffen wir etwas Magisches!“ oder: „Alles ändert sich, und nichts ist unmöglich.“

Quantenmechanik ist bizarr und ihre Aussagen nicht nur für Laien schwer zu verstehen. Da gibt es Schrödingers Katze, die weder tot noch lebendig ist. Dort kommunizieren Teilchen mittels spukhafter Fernwirkung über Millionen von Kilometern miteinander oder durch Spalten tretendes Licht bildet bizarre Muster, die auf seine Welleneigenschaft deuten. Doch sobald ein Beobachter zuschaut,“mutiert“ die Lichtwelle zum Teilchen. Die Krönung des Unvorstellbaren gebiert wohl die Viele-Welten-Interpretation. Sie behauptet gar, dass alle möglichen unterschiedlichen Vergangenheiten des Universums tatsächlich existieren. An jedem Punkt der Zeit teilt sich das Universum in eine Vielzahl von Existenzen auf, in denen jeder mögliche Ausgang jedes Quantenprozesses stattfindet.Also sitzt man in diesem Universum vor dem Computer und liest diese Rezension, in einem anderen überfliegt man einen anderen Artikel und in einem weiteren wird man gerade von einem Lastwagen überfahren. In vielen existiert man überhaupt nicht.
Was hat nun Ruth Ozekis, meiner Meinung nach völlig zu recht für den Man Booker Prize nominierter und – soviel sei schon vorab verraten – unglaublich faszinierender und großartiger Roman damit zu tun? Sehr viel sogar. Denn die amerikanische Autorin mit japanischen Wurzeln, die zudem Zen-Priesterin ist, verwebt all diese physikalischen Phänomene auf atemberaubende Art und Weise mit buddhistischen Weisheiten und strickt daraus eine überaus bewegende, interessante, aufrüttelnd-ausdrucksstarke Geschichte, die zwischen Japan, Kanada und den USA pendelt, sowohl geschichtliche und politische Ereignisse changiert und gleichzeitig einen Blick in die Gedankenwelt und Arbeitsweise eines Schriftstellers wirft: 550 Seiten prall gefüllt mit Wissen, Mythen, Esprit und Intellekt und „trotzdem“ überaus lesenswert, fesselnd und emotional erzählt.

Der Plot setzt mit dem folgenschweren Fund an den Strand gespülten Treibgutes ein, dessen Inhalt das Leben der Schriftstellerin Ruth, eine der beiden Protagonistinnen, für die nächsten Wochen intensiv beschäftigen, ja verändern wird. Das unter anderem darin enthaltene Tagebuch eines 16-jährigen japanisches Mädchens erweist sich als etwas ganz Besonderes. Allerdings nicht nur wegen seiner ungewöhnlichen Hülle, die sich als Marcel Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ zu erkennen gibt. Das gedruckte Wort des französischen „Zeitsuchers“ wurde jedoch durch die persönliche Eintragugen eben jenes Teenagers ersetzt. Naoko Yasutani, kurz Nao, wie die junge Schreiberin heißt, wendet sich in der direkten Anrede an ihre Leserin und möchte ihr im Fortgang die wahre Lebensgeschichte ihrer Urgroßmutter Jiko, einer Zen-buddhistischen Nonne, erzählen. Letztendlich nimmt Jiko im Fortgang der Erzählung nur eine, wenn auch bedeutende, Randfunktion ein. Der Plot hingegen entwickelt sich zunehmend zu der unglaublich vielschichtigen, zuweilen recht intensiv-emotionalen und komplexen Lebensgeschichte von Naos Familie. Der Zweite Weltkrieg und dessen japanische Kamikazeflieger, der Angriff auf Ground Zero, als auch der folgenschwere Tsunami aus dem Jahr 2011 mit seinen verheerenden Auswirkungen auf das Atomkraftwerk in Yukushima entpuppen sich als Meilensteine. Ruth verspürt mit jeder Seite, die sie liest eine Dringlichkeit, zu dem Mädchen vorzudringen, zu dieser kleinen „Wellenperson, die auf dem stürmischen Meer des Lebens herumtreibt“.

In wechselnden Kapiteln, jeweils aus der Sicht der auf einer Insel vor der Nordwestküste Kanadas lebenden Schriftstellerin Ruth (aus auktorialer Erzählperspektive) sowie in der Ich-Form von Naoko, entfaltet Ruth Ozeki ihre Story. Dabei stehen sich ihre beiden Hauptprotagonisten viel näher als es zunächst den Anschein hat. Offensichtlich hat die Autorin viel Autobiografisches in ihre Figuren gelegt. „Ich will etwas Wahres hinterlassen.“, lässt sie Nao sagen. Trotzdem hat es mitunter den Anschein, dass Ruth und Nao aus der Zeit fallen, um sich in der Grauzone zwischen zwei Welten anzunähern. Eine japanische Dschungelkrähe scheint der Mittler, das verbindende Energiefeld zu sein.

„Geschichten für einen Augenblick“ offenbart einen Roman, der viele Einblicke in japanische Lebensart und Zen-buddhistische Traditionen gibt. Heimat, Familie, Glaube, Tod und Leben, Wahrheit oder Fiktion sind weitere Inhalte des mitunter im wahrsten Sinne des Wortes fantastischen und dann wieder philosophischen Textes. Allem Anschein nach steckt Marcel Prousts Geist noch immer im Buchdeckel. Ruth Ozeki gelingt es auf unglaublich eindringliche Art und Weise, Orte derart detailliert zu beschreiben, dass man meint, sich im selben Raum zu befinden. Sie schafft durch ihre Geschichte(n) eine Aura der Vertrautheit und der Zeitversetzheit, des Innehalten und Besinnens. Es scheint, dass sie beinahe magisch Worte aus der Leere zieht, um sie mit Leben zu erfüllen und dadurch einen unglaublichen Zauber heraufzubeschwören. Nicht unwesentlichen Anteil hat gleichfalls der Übersetzer Tobias Schnettler, dem eine flüssige und exzellente Übertragung ins Deutsche gelungen ist.

Wenn man Ruth Ozekis Roman vergleichen müsste, so fiele mir hier sofort der Name Haruki Murakami ein. Ihre „Geschichte für einen Augenblick“ lesen sich ebenso faszinierend wie dessen „Hard boiled Wonderland oder das Ende der Zeit“. Ein Buch über Tradition, über Sein und Zeit, über Sein-Zeit. Und vielleicht liegt auch ein wenig verlorene Zeit zwischen den Seiten, die der Leser suchen, neu entdecken und dehnen kann. Ganz egal in welcher Welt er sich gerade befindet. Denn die Wirklichkeit entsteht erst im Kopf. Oder wie es Marcel Proust so treffend auszudrücken wusste: „Die Wirklichkeit ist jeder Leser, wenn er liest, eigentlich der Leser seiner selbst. Das Werk des Schriftstellers ist lediglich eineArt von optischem Instrument, das der Autor dem Leser reicht, damit er erkennen möge, was er in sich selbst vielleicht sonst nicht hätte sehen können.“ Literatur hatte schon immer ihre eigene Zeit und Logik. Und Schrödingers Katze? Die (über-)lebt tatsächlich. Vielleicht sind ja die bizarren Quantenelemente im Spiel gewesen….

Ruth Ozeki
Geschichte für einen Augenblick
Aus dem Englischen von Tobias Schnettler
Titel der Originalausgabe: A Tale for the Time Being
S. Fischer Verlag (März 2014)
559 Seiten, Gebunden
ISBN-10: 3100552202
ISBN-13: 978-3100552204
Preis: 19,99 EUR

Heike Geilen
Über Heike Geilen 594 Artikel
Heike Geilen, geboren 1963, studierte Bauingenieurswesen an der Technischen Universität Cottbus. Sie arbeitet als freie Autorin und Rezensentin für verschiedene Literaturportale. Von ihr ist eine Vielzahl von Rezensionen zu unterschiedlichsten Themen im Internet zu finden.

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.