Parteien lieben klare Abgrenzungen, solange die Mathematik sie nicht stört. Vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt am 6. September 2026 wird genau diese Mathematik zum politischen Problem. Die AfD liegt in Umfragen deutlich vorn, während CDU, Linke, SPD und Grüne um Mehrheiten und teilweise um den Einzug in den Landtag kämpfen. Aus der Linken kommen deshalb Angebote, eine CDU-geführte Regierung notfalls zu tolerieren oder auf andere Weise zu unterstützen. Bodo Ramelow wirbt offen für Kooperation (Tagesschau – Ramelow für Zusammenarbeit von Linken und CDU). In der Union stößt das auf heftigen Widerstand.
Man kann diese Abwehr verstehen. CDU und Linke stehen in zentralen Fragen weit auseinander. Die Geschichte der Linken und ihrer Vorgängerpartei PDS berührt für viele Christdemokraten unmittelbar die Geschichte der SED. Außen- und sicherheitspolitisch, wirtschaftspolitisch und bei Eigentumsfragen existieren tiefe Gegensätze. Eine Zusammenarbeit lässt sich nicht einfach mit dem Hinweis auf aktuelle Umfragen moralisch erzwingen.
Wenn Wahlarithmetik alte Grenzen prüft
Doch demokratische Politik findet nicht im Museum der Parteitagsbeschlüsse statt. Wenn Wahlergebnisse klassische Koalitionen unmöglich machen, müssen Parteien entscheiden, welche ihrer Abgrenzungen programmatisch zwingend sind und welche aus einer anderen politischen Zeit stammen. Das ist kein Verrat an Prinzipien. Es ist die Prüfung, welche Prinzipien tatsächlich tragen.
Die entscheidende Frage lautet dabei nicht, ob CDU und Linke einander mögen. Sie lautet, ob es einen begrenzten, transparenten und sachlich definierten Umgang geben kann, wenn sonst keine stabile parlamentarische Mehrheit entsteht. Thüringen hat bereits gezeigt, dass ungewöhnliche Formen der Zusammenarbeit möglich sind, ohne dass beide Parteien deshalb ihre Identität aufgeben. Auch dort bleibt das Verhältnis konfliktreich.
Ein gemeinsames Nein reicht nicht
Problematisch wäre allerdings eine Strategie, die jede Kooperation allein als Abwehrinstrument gegen die AfD begründet. Eine Regierung braucht mehr als ein gemeinsames Nein. Wer nur erklärt, wen er verhindern will, überlässt dem verhinderten Gegner die politische Mitte der Erzählung. Die Bürger müssen wissen, wofür eine solche Konstellation steht: Haushalt, Schulen, Wirtschaft, innere Sicherheit, Kommunen, Infrastruktur. Eine Notgemeinschaft ohne positives Programm verschiebt die Krise nur.
Ebenso falsch wäre es, historische Unterschiede kleinzureden. Die CDU kann ihren ostdeutschen Wählern nicht erklären, die SED-Vergangenheit spiele plötzlich keine Rolle mehr, weil die Sitzverteilung schwierig geworden ist. Die Linke wiederum kann nicht erwarten, dass scharfe Angriffe auf die Union am Montag vergessen sind, wenn am Dienstag Tolerierung angeboten wird. Glaubwürdigkeit verlangt, Widersprüche auszusprechen.
Gerade darin könnte aber eine demokratische Reifeprobe liegen. Parteien müssen nicht zu Freunden werden, um in einzelnen Fragen Verantwortung zu übernehmen. Parlamentarismus lebt von Abstimmungen, Kompromissen und begrenzten Vereinbarungen. Die Vorstellung, jede Zustimmung einer anderen Partei bedeute bereits politische Kontamination, hat den Bundestag und mehrere Landtage in eine seltsame Reinheitslogik geführt.
Natürlich gibt es Grenzen. Eine Partei, deren Ziele oder Personal gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung gerichtet sind, stellt eine andere Herausforderung dar als ein gewöhnlicher politischer Konkurrent. Aber gerade deshalb sollte man die Kategorien sauber halten. Wenn demokratische Parteien einander unterschiedslos mit maximalen moralischen Begriffen belegen, verlieren sie die Sprache, um echte Grenzüberschreitungen zu benennen.
Sachsen-Anhalt macht die Frage konkret
Die Lage ist zudem nicht theoretisch. Am 6. September 2026 wird in Sachsen-Anhalt gewählt; aktuelle Umfragen sehen die AfD deutlich vor der CDU. Bodo Ramelow wirbt deshalb dafür, dass CDU und Linke zumindest miteinander reden und in einer schwierigen Mehrheitslage Verantwortung übernehmen. Die CDU hält dem ihren Unvereinbarkeitsbeschluss entgegen und schließt Zusammenarbeit mit Linken wie AfD aus. Damit prallen zwei Logiken aufeinander: programmatische Abgrenzung und parlamentarische Arithmetik.
Es wäre falsch, aus jeder punktuellen Unterstützung sofort eine Koalition zu machen. Parlamente kennen Minderheitsregierungen, wechselnde Mehrheiten, Duldungen und sachbezogene Abstimmungen. Gerade in Ostdeutschland hat Thüringen gezeigt, wie ungewöhnliche Mehrheitsverhältnisse Parteien dazu zwingen können, zwischen institutioneller Handlungsfähigkeit und parteipolitischer Reinheit abzuwägen. Solche Modelle sind anstrengend, weil jede Entscheidung neu begründet werden muss. Aber Anstrengung ist kein Verfassungsproblem.
Ebenso falsch wäre es, die politischen Unterschiede zwischen CDU und Linken kleinzureden. Eigentum, Wirtschaftsordnung, Außen- und Sicherheitspolitik, DDR-Aufarbeitung oder Gesellschaftspolitik berühren echte Konflikte. Wer nur sagt, alle Demokraten müssten zusammenstehen, riskiert eine Politik, in der Wähler kaum noch erkennen, wofür Parteien inhaltlich stehen. Die Abgrenzung zur AfD kann deshalb nicht das einzige Programm einer Regierung sein. Ein Bündnis, das nur gegen jemanden existiert, verliert spätestens beim ersten Haushalt seine gemeinsame Richtung.
Nach der Wahl zählt politische Handlungsfähigkeit
Die entscheidende Frage nach der Wahl wird deshalb weniger moralisch als praktisch sein: Welche Regierung kann eine Mehrheit oder zumindest eine belastbare Tolerierung organisieren, ohne ihre zentralen Versprechen zu verleugnen? Parteien dürfen rote Linien haben. Sie müssen aber erklären, welche institutionellen Folgen diese Linien in einem fragmentierten Parlament haben. Demokratie garantiert keine angenehmen Mehrheiten. Sie verlangt von den Gewählten, mit den Mehrheiten zu arbeiten, die die Bürger tatsächlich herstellen.
Sachsen-Anhalt könnte nach der Wahl vor Entscheidungen stehen, die keine Parteizentrale angenehm findet. Dann wird sich zeigen, ob Politik mehr ist als die Verwaltung alter Beschlüsse. Eine Minderheitsregierung, eine Tolerierung oder punktuelle Absprachen sind keine idealen Modelle. Aber Demokratie garantiert keine idealen Wahlergebnisse.
Der Wähler entscheidet die Zahlen, nicht die Koalition. Parteien müssen danach mit diesen Zahlen arbeiten. Wer vor jeder ungewöhnlichen Konstellation zurückschreckt, kann am Ende genau jene politische Kraft stärken, deren Regierungsbeteiligung er verhindern wollte. Und wer alle Tabus über Nacht beseitigt, verspielt Vertrauen bei den eigenen Anhängern. Zwischen diesen Fehlern liegt ein schmaler Weg.
Vielleicht besteht die eigentliche Herausforderung darin, wieder zwischen Gegner und Feind unterscheiden zu lernen. CDU und Linke sind politische Gegner mit tiefen Konflikten. Das muss so bleiben. Aber ein Parlament, in dem Gegner nicht mehr miteinander sprechen oder abgestimmt handeln können, ist irgendwann kein Ort der Politik mehr, sondern eine Sammlung nebeneinanderstehender Lager.
