Bewegende Musik zu bewegten Bildern – Das Orchester Jakobsplatz München ändert seinen Namen

Faust © Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung, Wiesbaden
Das alte Gesetz Berlinale 2018 © Ulf Büschleb

Die Wiederentdeckung vergessener jüdischer Komponisten war seit seiner Gründung im Jahre 2005 ein Hauptanliegen des Orchesters Jakobsplatz München, kurz OJM genannt. Ab der Saison 2018/19 wird sich das Ensemble „Jewish Chamber Orchestra Munich“ nennen, um somit ihre jüdischen Inhalte leichter und deutlicher nach außen zu kommunizieren. Mit jüdischen und nicht-jüdischen Mitgliedern aus mehr als zwanzig verschiedenen Nationen wird das Orchester weiterhin das angestrebte Ziel verfolgen, Vielfalt und Austausch zwischen den verschiedenen Kulturen zu fördern. Der multidisziplinäre Ansatz durch Einbeziehung in den Konzerten von anderen Genres und Kunstgattungen – wie Lichtkonzepten, Filmausschnitten, Videos – wird erhalten und weiterhin für die Arbeit des Orchesters bezeichnend bleiben.

Das alte Gesetz Berlinale 2018 © Ulf Büschleb

Die Kombination „bewegende Musik“ zu „bewegten Bildern“ inspiriert die seit der Spielzeit 2017/18 initiierte Reihe „Flimmertöne – mehr als Konzerte“ in Kooperation mit den Münchner Kammerspielen. Nach Meilensteinen des Stummfilms wie „Panzerkreuzer Potemkin“, „Der Student von Prag“ oder „Das neue Babylon“ mit der Originalmusik von Dmitry Schostakowitsch wurde im vergangenen April der zu seiner Zeit hochgepriesene Stummfilm „Das alte Gesetz“ aufgeführt, der ein signifikantes Beispiel für den hohen künstlerischen Standard bietet, den jüdische Produktionen Anfang den XX. Jahrhunderts erreicht hatten. In den Mittelpunkt der Handlung rückt der Kontrast zwischen dem Leben in einer in sich geschlossenen galizischen „Schtetl“ und dem modernen Wien. Die Geschichte dreht sich um den von Ernst Deutsch herrlich gespielten Rabbinersohn Baruch, der gegen den Willen des Vaters eine große Schauspielerlaufbahn am Wiener Burgtheater beginnt und dank seines Talents sogar Zugang zum Hofe und zum Herzen der Erzherzogin Elisabeth Theresia erhält.

Faust © Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung, Wiesbaden

Thematisiert wird der stets aktuelle Konflikt zwischen Tradition und Fortschritt, zwischen Alten und Jungen in einer sich im Wandel begriffenen Gesellschaft vor dem Hintergrund des mit Wehmut verfolgten Untergangs der jüdischen Welt Osteuropas. „DAS ALTE GESETZ“ von E.A.Dupont, das zu den Klassikern des Weimarer Kinos gehört, ist als digital restaurierte Fassung bei den diesjährigen Filmfestspielen Berlin in Zusammenarbeit mit der Deutschen Kinemathek und dem ZDF erstmalig vorgeführt worden. Die „neue“ Filmmusik dazu hat der französische Komponist Philippe Schoeller im Auftrag vom Sender ARTE komponiert. Die Einzigartigkeit von Schoellers Filmkompositionen zeigt sich in dem Gebrauch einer vielseitigen Klangsprache, die einen Bogen zwischen „minimal music“ und „Mikrotonalität“ spannt. Sein leidenschaftliches Interesse für die Filmkunst drückt sich in der Schaffung von Kompositionen aus, die sich – jenseits einer rein „historisierenden Begleitpraxis“ wie in den Filmmuseen üblich – innovativ entfaltet, ohne sich völlig autonom vom Film zu entfernen. Die für DAS ALTE GESETZ geschriebene Musik für ein 12köpfiges Kammer-Ensemble folgt in ihren klaren Linien der Kamera in den einzelnen Szenen und schafft mit großer psychologischer Einfühlsamkeit neue Visionen, indem sie mit dem Bild, insbesondere mit den unvergesslichen ausdruckstarken Gesichtern, in einen Dialog tritt, der den Stimmungen gerecht wird, ohne emphatisch zu wirken. Als letzter Beitrag zur Stummfilmreihe in den Münchner Kammerspielen präsentierte das Orchester Jakobsplatz das Projekt “Flimmerkammer- Spezial-Faust“ im Rahmen vom viel beachteten und rege besuchten „FAUST-FESTIVAL-MÜNCHEN 2018“.

Daniel Grossmann © Florian Jänicke

Auch die Originalmusik zum Stummfilm „FAUST- Eine deutsche Filmsage“ von Friedrich Wilhelm Murnau, wofür Emil Jannings für seine Mephisto-Rolle einen Oscar bekam, ist nicht mehr auffindbar. Sie stammte vom deutsch-Jüdischen Komponisten Werner Richard Heymann, und gilt – nach dessen Emigration in die USA – als verschollen. Heymann, der im vor-Hitler-Deutschland als Autor von „Schlagern“ wie „Das gab es einmal, das kommt nicht wieder“ eine Berühmtheit war, hatte sie nach Motiven von R. Strauss und R. Wagner für die Filmgesellschaft UFA komponiert. Nach tiefgreifenden Recherchen im Heynemann-Archiv der Akademie der Künste zu Berlin gelang es OJMs Dirigent Daniel Grossmann, ein einschlägiges Arrangement zusammenstellen, das – mehr als eine reine Rekonstruktion der verlorenen Musik – ein „Spiel mit der Wahrnehmung“ sein will, ein „Experiment, das Augen und Ohren auf die Probe stellt“.

Neu gestartet wird 2018 das Projekt „OJM-Opernschule“, das Teil des von Monika Grütters initiierten Förderprogramms der Bundesregierung „Exzellente Orchesterlandschaft Deutschland“ ist.

Vorgesehen ist es, ca. 100 Kinder zwischen 7 und 18 aus wenig bemittelten Familien Jahre innerhalb von zwei Jahren einen Einblick

In den professionellen Musikbetrieb zu gewähren. Als erstes Vorhaben steht die Neuinszenierung der Kinderoper „Noye’s Fludde“ (Noahs Flut) von Benjamin Britten, die den interkulturellen Diskurs unter Kindern und Zuschauern in den Vordergrund stellt.

www.o-j-m.de

www. muenchner-kammerspiele.de

 

Anna Zanco-Prestel
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Dr. Anna Zanco-Prestel, hat Literaturwissenschaften (Deutsch, Französisch und Italienisch) und Kunstgeschichte in Venedig, Heidelberg und München studiert. Publizistin und Herausgeberin mit Schwerpunkt Exilforschung. U.d. Publikationen: Erika Mann, Briefe und Antworten 1922 – 69 (Ellermann/DTV/Mondadori). Seit 1990 auch als Kulturkoordinatorin tätig und ab 2000 Vorsitzende des von ihr in München gegründeten Kulturvereins Pro Arte e.V.