Der 9. November und der Weg dorthin – Wie die Grenze wuchs und plötzlich verschwand

trabant pkw auto trabi alt ddr oldtime, Quelle: Tama66, Pixabay License Freie kommerzielle Nutzung Kein Bildnachweis nötig https://pixabay.com/de/photos/trabant-pkw-auto-trabi-alt-ddr-2975738/
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Auf diesen Tag hatte ich mein halbes Leben gewartet! Ich hatte ja miterlebt als Kind und Jugendlicher, wie diese schreckliche Grenze, die Deutschland 44 Jahre lang teilte, entstanden war. Die man in den ersten Jahren nach dem Krieg noch gefahrlos überschreiten konnte, die später aber, nach der DDR-Gründung 1949, immer dichter wurde und eine tödliche Gefahr war für DDR-Flüchtlinge bis zum Mauerbau in Berlin am 13. August 1961.

Ich kannte aber nicht nur die Grenze, die meine Heimatstadt Rodach in Oberfranken auf drei Seiten umschloss, weshalb unser Bürgermeister von der „Stadt im toten Winkel“ sprach, ich kannte auch die Jahre davor, als ich mit meiner Mutter während des Krieges auf dem Fahrrad nach Thüringen in den Heldburger Zipfel fuhr, der nach Franken hineinragt, oder auf die Veste Heldburg, eine Nebenburg der Meininger Herzöge, die man nach 1945, als ein Besuch dort nicht mehr möglich war, im Rodacher Stadtwald auf vier Kilometer Entfernung durch die Bäume schimmern sah, zum Greifen nah und doch unerreichbar fern.

Immer, wenn ich Rodach besuchte, das ich im Sommer 1959 verlassen hatte, fuhr ich zur Grenze bei Adelhausen, das schon in Thüringen lag. Der letzte Kilometer freilich, der auf die Grenze zulief, wurde vom Verkehr nicht mehr benutzt. Seit Jahren war der Asphalt aufgebrochen durch Hitze und Regen, Gras und Unkraut wucherten in dichten Büscheln bis zum Schlagbaum, der keiner war, denn er konnte nicht aufgehoben werden. Drüben in Adelhausen, wenige Meter entfernt, wohnten Leute, die nicht zurückwinken durften, wenn wir grüßend die Hand hoben, denn wir waren der westdeutsche „Klassenfeind“, den man lieber nicht kannte. Wortlos sahen wir sie ein Haus verlassen und in einem anderen verschwinden. Es war wie ein Film, der vor unseren Augen ablief.

Und dann die Fluchtgeschichten, die den, der sie hörte, erschreckten und ihn nachts davon träumen ließen. Geschichten von Leuten, die unter Lebensgefahr bei Rodach über die Grenze kamen, weil sie dort nicht mehr leben wollten, wo sie aufgewachsen waren. Beispielsweise die drei jungen Thüringer, die sich Mut antranken und sich gegen Mitternacht aufmachten zur Grenze. Sie überwanden alle Zäune, Stolperdrähte und Erdminen unverletzt und meinten, nun  „im Westen“ angekommen zu sein. Als sie anfingen zu singen vor Glück, kam ein letzter Zaun, den sie auch überwanden. Im Morgengrauen erreichten sie das Dorf Roßfeld bei Rodach und sprachen einen Milchfahrer an. Der erklärte ihnen dann, dass auf dem letzten Abschnitt, wo sie gesungen hätten, die Minen lägen. Da erschraken sie noch nachträglich!

Oder die Geschichte des Jungbauern aus Thüringen, der nachts, weil ihm die DDR-Grenzsoldaten vertrauten, den Todesstreifen eggen durfte, ohne Aufsicht. Gegen Mitternacht schlich er über die Grenze in das Dorf Lempertshausen bei Rodach, wo er Verwandte hatte, die er kaum kannte, da sie ihn im Sperrgebiet an der Grenze niemals hätten besuchen dürfen. Sie redeten die halbe Nacht miteinander, im Morgengrauen schlich er zurück, warf seinen Traktor an und eggte den Rest des Todesstreifens, Dann fuhr er, niemand war misstrauisch geworden, nach Hause auf seinen Hof, und legte sich schlafen. Am späten Vormittag riefen seine Verwandten aus Lempertshausen an und fragten arglos, wie nur ein ahnungsloser Westdeutscher fragen konnte, ob denn der nächtliche Besucher unbeschadet über die Grenze zurückgekommen wäre. Selbstverständlich wurde das Gespräch abgehört, der thüringische Jungbauer wurde verhaftet und wegen „unerlaubten Grenzübertritts“ zu einer mehrjährigen Gefängnisstrafe verurteilt.

Oder die innerdeutsche Grenze zwischen Rudelsdorf bei Rodach und Seidingstadt in Thüringen. Auch dort eggte ein Bauer den Todesstreifen, unter Aufsicht zweier DDR-Grenzsoldaten, die rauchten, in die Gegend starrten und sich unterhielten. Plötzlich erschien auf der anderen Seite der Grenze eine Streife der Bayerischen Grenzpolizei. In Sekundenschnelle erfasste der LPG-Bauer die Situation! Er sah, dass der eine DDR-Grenzsoldat dem anderen Feuer gab, und rannte los. Offensichtlich wusste er, dass von der DDR-Seite aus nicht Richtung „Staatsgrenze West“ geschossen werden durfte. Nach einigen Sekunden voller Todesangst kam er unbeschadet „drüben“ an.

Dreimal fuhr ich, als Schüler und als Student, nach Thüringen und Sachsen, um das Land auf der anderen Seite zu erkunden. In dem Sommerferien 1954 und 1955 besuchte ich meinen Patenonkel Dr. Heinz Witzleb in Wasungen bei Meiningen, der dort Landarzt war und zwei Söhne in meinem Alter hatte. Wenige Tage nach meiner Ankunft im Sommer 1954 fuhren wir zu viert mit dem Auto quer durch die „Zone“ und besuchten alle sechs Universitäten im Land, weil der ältere Sohn Heino, der gerade in Meiningen sein Abitur bestanden hatte, Arzt werden wollte wie sein Vater, aber zum Medizinstudium nicht zugelassen worden war. Der Grund lag in der restriktiven SED-Kaderpolitik damals, wonach Kinder aus dem Bürgertum Absagen zu erhalten hätten und Kinder aus der Arbeiterklasse zu bevorzugen seien. Ein Jahr später war Heino verschwunden, er studierte inzwischen Medizin in Göttingen. Der jüngere Bruder Wolf war politisch aktiv, durfte studieren und wurde schließlich Medizinprofessor in Dresden. Bei unserer Rundreise 1954, die uns bis nach Rostock und Greifswald führte, kamen wir auch nach Ostberlin an die Humboldt-Universität und besuchten auch für einige Stunden Westberlin. Eigentlich wäre für mich als Westbürger diese DDR-Reise bis an die Ostsee verboten gewesen, denn meine Aufenthaltsgenehmigung galt nur für den Landkreis Meiningen. Aber ich habe auf dieser Reise viel gesehen und viel gehört, da ich mit offenen Augen und Ohren durchs Land fuhr. Ein besonderes Erlebnis war der Besuch der Wartburg im Sommer 1955, schon der Aufstieg war aufregend genug! Und von der Burg aus hatte man einen wundervollen Ausblick weit hinein ins Thüringer Land. Erst im Sommer 1990, nach einem halben Leben, sollte ich wieder dort oben stehen. Noch heute werden mir die Augen feucht, wenn ich an der Wartburg vorbeifahre!

Vier Jahre später, im Sommer 1959, nahm ich im Auftrag des Landesmuseums Hannover an der Ausgrabung eines altsächsischen Gräberfelds aus der Völkerwanderungszeit in Liebenau bei Nienburg/Weser teil und las dort während der Freizeit Eva Müthels Buch „Für dich blüht kein Baum“ (1957) und war entsetzt darüber, was ich da erfuhr. Die Autorin (1926-1980) stammte aus Nordhausen in Thüringen, hatte nach dem Krieg in Jena Germanistik studiert, war 1948 beim Verteilen von Flugblättern verhaftet und zu 25 Jahren Zwangsarbeit verurteilt worden. Die Stationen ihrer sechs Haftjahre waren Bautzen, Sachsenhausen, Hoheneck und Brandenburg gewesen. Von dort war sie im Januar 1954, kurz vor der Außenministerkonferenz in Berlin, mit Dutzenden weiterer Häftlinge entlassen worden, um dadurch ein günstiges Klima für die Verhandlungen zu schaffen. Das Buch erschütterte mich! Tagelang konnte ich an nichts anderes mehr denken als an das trostlose Leben der politischen Gefangenen in den DDR-Zuchthäusern. Dass ich zwei Jahre später selbst in Leipzig verhaftet und politischer Gefangener werden sollte, konnte ich damals noch nicht ahnen.

Im Oktober 1959, nach Beendigung der Ausgrabung am Heidberg in Liebenau, für die es jetzt zu kalt geworden war, fuhr ich, mit wildem Bartwuchs ausgestattet, nach Leipzig zu meiner Tante Inge Arnold, die als Bibliothekarin in der „Deutschen Bücherei“ arbeitete. Ich saß tagsüber dort im Lesesaal und vertiefte mich in Bücher über die Völkerwanderungszeit und die Germanen an der unteren Weser. Außerdem wollte ich mir drei Romane des Leipziger Schriftstellers Erich Loest (1926-2013) ausleihen, bekam sie aber nicht ausgehändigt, weil der Autor als „persona non grata“ wegen “konterrevolutionärer Gruppenbildung“ 1958 zu siebeneinhalb Jahren Zuchthaus verurteilt worden war, die er jetzt in Bautzen absaß. Als ich meiner Tante von meinem Missgeschick erzählte, meinte sie, ich könnte mir die drei Romane auch bei Erich Loests Frau, die zwei Häuser weiter in der Oststraße wohnte, besorgen. An einem verregneten Oktoberabend schlich ich, wohl wissend, dass das nach DDR-Gesetzen nicht rechtens war, ins übernächste Haus, klingelte bei Annelies Loest im ersten Stock und wurde eingelassen. Selbstverständlich war die Frau Erich Loests, der Jahre später mein Freund wurde, zunächst misstrauisch. Was wollte dieser Student aus Westberlin bei ihr, der behauptete, vor wenigen Wochen den Schriftsteller Gerhard Zwerenz (1925-2015) in Köln besucht zu haben und der sich auskannte in der Geschichte der Leipziger „Konterrevolutionäre“ von 1956/57? Wir sprachen also über Gerhard Zwerenz, Erichs Freund, der im Sommer 1957 Leipzig fluchtartig verlassen hatte, sonst wäre er auch verhaftet worden, und  wir sprachen über den berühmten Leipziger Literaturprofessor Hans Mayer (1907-2001), der dann im August 1963 nach einer Vortragsreise von Hamburg nicht nach Leipzig zurückkehren sollte. Nach einer halben Stunde verabschiedete ich mich, die drei Bücher durfte ich mitnehmen. Einige Tage später fuhr ich mit dem Zug über Magdeburg nach Helmstedt, wo ich mein Moped untergestellt hatte, und von dort nach Westberlin. Die drei Romane schickte ich im Dezember 1959, wohlweislich von einem Ostberliner Postamt, damit Annelies Loest keinen Ärger mit den Behörden bekäme, unter einem fingiertem Absender zurück nach Leipzig.

Im Herbst 1960 setzte ich mein Literaturstudium an der Universität Mainz fort, weit weg von der innerdeutschen Grenze, und wurde Mitarbeiter der Studentenzeitung „nobis“, worin ich im Juni/Juli 1961 sieben DDR-kritische Artikel veröffentlichte. Dann wurde am 13. August 1961 die Berliner Mauer gebaut, die 28 Jahre stehen sollte. Am 6. September fuhr ich zur Buchmesse nach Leipzig, am 9. September, einem Samstag, wurde ich auf dem Karl-Marx-Platz verhaftet und am 21. Januar 1962 vom Leipziger Bezirksgericht wegen „staatsfeindlicher Hetze“ zu dreieinhalb Jahren  verurteilt, die ich im Zuchthaus Waldheim in Sachsen verbrachte. Es war 1716 von Kurfürst August dem Starken (1670-1733) gegründet worden und ist heute das älteste Gefängnis in Deutschland, das noch in Betrieb ist. Zum 300. Gründungstag am 18. Mai 2016 durfte ich dort die Gedenkrede halten.

Als ich am 25. August 1964 mit 800 weiteren Gefangenen von der Bundesregierung in Bonn gegen 32 Millionen Westmark freigekauft worden war, nahm ich im Jahr darauf mein Studium der Literaturwissenschaft  in Mainz wieder auf, merkte aber, dass ich mich auf die Vorlesungen kaum konzentrieren konnte, immer wieder schweiften meine Gedanken ab zu den Mithäftlingen, die in Waldheim zurückgeblieben waren. Nach drei Semestern unterbrach ich mein Studium erneut und ging als Deutschlehrer nach Schweden, um Abstand zu beiden deutschen Staaten zu gewinnen. Danach konzentrierte ich mich auf DDR-Literatur und schrieb meine Dissertation über Anna Seghers (1900-1983). Und ich hielt Kontakt zu den Haftkameraden, die ich in Waldheim kennengelernt hatte und die noch in der DDR lebten.

Im Sommer 1989 ahnte ich, dass „drüben“ bald irgendetwas Gewaltiges geschehen würde. Überall in den Ostblockstaaten brodelte es, nachdem Sowjetführer Michail Sergejewitsch Gorbatschow 1985 in Moskau seine berühmte Rede über „Glasnost“ und „Perestrojka“ gehalten hatte. Aber die westorientierten Bundesbürger und ihre Regierung in Bonn wollten das nicht wahrhaben. Ich lauschte den Gesängen Wolf Biermanns, der im Herbst 1976 ausgebürgert worden war. In einem Lied sang er: „Hörte ich schwingen im Schienenschlag Lieder vom Frühling im roten Prag…Das Land ist still. Noch.“ Es klang wie eine Verheißung!

Das Land war still, aber seine Bewohner wollten nicht länger still sein! Am 4. September 1989 beschlossen 1200 Leipziger, die nachmittags in der Nikolaikirche, wenige Schritte vom Karl-Marx-Platz entfernt, am „Friedensgebet“ des Pfarrers Christian Führer (1943-2014) teilgenommen hatten, über den Leipziger Ring, der den historischen Stadtkern umschließt, zu demonstrieren. Es war ein wagemutiges Unternehmen, weil nicht sicher war, ob die Staatsmacht eingreifen würde. In Peking nämlich, der Hauptstadt Chinas, waren in der Nacht vom 3./4. Juni 1989 Hunderte von Studenten, die für die Demokratisierung des Landes demonstriert hatten, von den kommunistischen Machthabern erschossen worden, und die DDR-Regierung hatte nur vier Tage später, am 8. Juni 1989, dieses brutale Vorgehen gerechtfertigt. Die Leipziger Demonstranten aber führten Transparente mit, auf denen stand „Keine Gewalt!!“ oder „Für ein freies Land mit freien Menschen“, und sie riefen im Sprechchor unablässig einen Satz, der die SED-Gewaltigen in Leipzig erstarren ließ: „Wir sind das Volk!“ Denn seit Kriegsende 1945 hatten die Kommunisten bestimmt, was das Volk zu denken hatte und wer es vor der Weltgeschichte vertrat. Und nun das! Am 9. Oktober 1989, als Egon Krenz in Ostberlin die Macht ergriff, waren es schon 70 000 Demonstranten in Leipzig und am 6. November, drei Tage vor dem Mauerfall in Berlin, 500 000. Das war die Einwohnerzahl Leipzigs im Herbst 1989!

Und jetzt begann die aufregend herrlichen Wochen bis 9. November und danach, als die Mauer in Berlin gefallen war. Wie gebannt saßen ich und meine DDR-geschädigten Freunde wie Erich Loest und Siegmar Faust vor dem Bildschirm und sahen uns satt an den Bildern eines untergehenden Staates, der nun, nach 40 Jahren, von der Landkarte verschwinden sollte. Als der Tag, auf den ich ein halbes Leben gewartet hatte, anbrach, konnte man noch nicht wissen, dass gegen Mitternacht Weltgeschichte geschrieben wurde. Am frühen Abend zwischen 18.00 und 19.00 Uhr wurden im DDR-Fernsehen Ausschnitte aus einer Pressekonferenz gezeigt, die Günter Schabowski, frisch berufener Staatssekretär für das Informationswesen, leitete. Er berichtete ausführlich und einschläfernd über die letzte ZK-Sitzung, wo auch über neue Regelungen für Reisen von DDR-Bürgern ins „kapitalistische Ausland“ gesprochen worden war. Wann die denn nun in Kraft träten, wurde von Westjournalisten gefragt. Günter Schabowski blätterte mürrisch in seinen Zetteln und sagte dann: „sofort, unverzüglich!“ Diese zwei Worte waren das Signal für den Sturm auf die Mauer gegen Mitternacht am Grenzübergang Bornholmer Straße, wo um 23.30 Uhr die Schranken zur freien Ausreise gehoben wurden. Um diese Zeit rief mein Freund, der Lyriker Ulrich Schacht (1951-2018) aus Hamburg an und schrie uns Telefon: „Die Mauer ist weg!“ Er war in besonderer Weise betroffen, geboren im Frauenzuchthaus Hoheneck/Erzgebirge, wo seine Mutter eine zehnjährige Haftstrafe zu verbüßen hatte, saß er später selbst vier Jahre im Zuchthaus Brandenburg.

In diesen Spätherbsttagen 1989 habe ich geweint vor Glück! Als ich die Ostberliner Mauerbrecher, hastig, aber mit verklärten Gesichtern aus den nun geöffneten Grenzübergängen hervorkommen sah, wusste ich, was sie fühlten und dachten, das hatte ich ein Vierteljahrhundert zuvor in Waldheim mitbekommen. Sie hatten bescheidene Wünsche: Sie wollten, obwohl es schon Mitternacht war, nur einmal unbeschwert über den hell erleuchteten Kurfürstendamm schlendern und die Schaufensterauslagen bewundern, mehr nicht. Das reichte ihnen, zunächst. Nach einigen Stunden kehrten sie zurück nach Ostberlin, das nun eine ganz andere Stadt geworden war!

Am 18. November 1989 wurde auch in meiner Heimatstadt die Grenze bei Adelhausen geöffnet. Ich war nicht dabei, weil niemand mich verständigt hatte. Ich sah es im Fernsehen während einer Dienstreise in Heilbronn, klopfenden Herzens. Die Thüringer auf der anderen Seite der Grenze hatten die Nacht durchgefeiert und kamen im Morgengrauen in Scharen zu Fuß über den Todesstreifen, der keiner mehr war. Von der anderen Seite kamen die Rodacher mit ihrem Bürgermeister und Sektflaschen in der Hand. Beide Gruppen trafen sich auf dem letzten Stück der Hildburghäuser Straße, auf dem seit Jahren Gras wuchs. Die Thüringer hatten einen Trompeter mitgebracht, der unentwegt „Amazing grace“ in den Morgenhimmel blies. Und ich war nicht dabei! Zu Fuß wäre ich die elf Kilometer von Radach nach Hildburghausen gelaufen, das hatte ich mir seit Jahren geschworen!

Und dann kam der Tag, als ich die Heldburg erstieg! Als kleiner Junge bin ich einmal während des Krieges dort gewesen. Ich fuhr am Freitag, 15. Dezember 1989, nach Rodach, weil dort am Dritten Advent immer die „Fränkische Weihnacht“ veranstaltet wird. Am Vorabend hatte ich erfahren, dass am Sonntagvormittag um 9.00 Uhr für acht Stunden die Grenze zwischen Rodach-Sülzfeld und Bad Colberg in Thüringen geöffnet würde. Bereits um 7.00 Uhr fuhr ich von meinem Rodacher Hotel nach Sülzfeld an die Grenze, die verschlossen war wie immer. Anderthalb Stunden später, nach dem Frühstück, fuhr ich noch einmal nach Sülzfeld und traute meinen Augen nicht: Der Grenzzaun war zerschnitten, auf der Ostseite standen zwei Dutzend Thüringer mit erwartungsfrohen Gesichtern, auf der Westseite standen die Rodacher und etwas abseits eine Gruppe von DDR-Grenzsoldaten und bayerischen Grenzpolizisten, die sich mit Sektgläsern zutranken. Das war ein derart unwirkliches Bild, dass ich mir verwundert die Augen rieb. Nach mehreren Reden durfte wir Rodacher Thüringen betreten und wurden von den Colbergern in die „Linde“ zu Thüringer Bratwürsten und Bier eingeladen. Eine Musikkapelle war auch anwesend, die einen Transportwagen für die Instrumente mithatte. Ich bot dem Fahrer zehn Westmark an, wenn er mich nach Heldburg, sechs Kilometer entfernt, führe und dort auf die Veste Heldburg, die Herzog Georg II. von Sachsen-Meiningen im 19. Jahrhundert der Schauspielerein Ellen Franz, seiner Geliebten, als Wohnsitz zugewiesen hatte. Als wir aus dem Wald herausfuhren, sah ich die Veste über der Stadt liegen. Und mein Herz schlug vor Erwartung! Der Fahrer brachte mich die halbe Strecke nach oben, den Rest wollte ich zu Fuß gehen, wegen der herrlichen, alten Bäume, die rechts und links standen. Schließlich kam ich ans Tor, das von der schönen Schlossverwalterin Birgit gerade geöffnet wurde, die ihren Hund ausführen wollte. Sie ging mit mir durch die Veste, führte mich auf den Hexenturm und zeigte mir die Dörfer ringsum. Ich hatte ein Gefühl, als wäre ich heimgekehrt!

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Jörg Bernhard Bilke
Über Jörg Bernhard Bilke 191 Artikel
Dr. Jörg Bernhard Bilke, geboren 1937, studierte u.a. Klassische Philologie, Gemanistik und Geschichte in Berlin und wurde über das Frühwerk von Anna Seghers promoviert. Er war Kulturredakteur der Tageszeitung "Die Welt" und später Chefredakteur der Kulturpolitischen Korrespondenz in der Stiftung ostdeutscher Kulturrat.