„Der Mensch existiert nicht, solange er sich nicht im Spiegel gesehen hat.“

Von Abbé Prévosts unzähligen Schriften hat sich über die Jahrhunderte nur eine etablieren können: der Roman „Manon Lescaut“. Er erzählt von einer Femme fatale, die einen tugendhaften adligen Klosterschüler all seine Pläne verwerfen lässt, obwohl sie ihn wiederholt betrügt. Die 1731 publizierte Geschichte war wie für die Oper geschaffen und wurde denn auch mehrfach vertont, am bekanntesten davon dürfte wohl Puccinis Adaption sein. Bis heute rühren die beiden blutjungen Durchbrenner, die sich zwar lieben, deren Glück aber nie lange hält, das Publikum zu Tränen – auf Bühnen und Leinwänden ebenso wie in gedruckter Form.
Auch Wsewolod Petrow, der dem literarisch-belletristischem Publikum so gut wie unbekannt sein dürfte, nahm sich diesem Thema an. 1946 verfasste er eine hinreißende Novelle, die nun erstmals von Daniel Jurjew in eine Fremdsprache übersetzt und im Weidle Verlag dem deutschsprachigen Leser zugänglich gemacht wurde. Der Text des russischen Autors, der sich als Kunstwissenschaftler und Verfasser vieler Bücher über die russische Kunst einen Namen gemacht hatte, blieb zu Lebzeiten unveröffentlicht. „Auch nach seinem Tod musste sie beinahe drei Jahrzehnte auf das Licht der Öffentlichkeit warten, obwohl der Autor sie nie verheimlicht hatte“, berichtet Oleg Jurjew im Nachwort. Petrow las zum Beispiel an Geburtstagen seinen Gästen daraus vor und zeigte sie auch seinen Bekannten. Veröffentlicht hat er sie allerdings nie. Vielleicht weil diese kleine Novelle Inhalte transportierte, die mit der damaligen Sowjetliteratur stilistisch, philosophisch und auch politisch nicht kompatibel waren: „dieses selbstgefällige Sich-Ergötzen an schönen Bildern und schönen Sätzen statt Erziehung der Werktätigen zum Kampf für die bessere Zukunft der Menschheit.“
Der namenlose Ich-Erzähler, ein feiner, nervöser und verträumter Offizier, ein kultivierter Petersburger Intellektueller, befindet sich in einer unfreiwillig zusammengeführten Gesellschaft aus Militärärzten, Apothekern, Krankenschwestern und Aushilfspersonal in einem militärischen Lazarettzug und beobachtet das bunte Treiben. Dieser Zug fährt in einer seltsamen Zwischenzeit während des 2. Weltkriegs von irgendwo nach irgendwo. Die Ortsnamen sind nur mit dem ersten Buchstaben bezeichnet. Allein die Station Turdej wird vollständig genannt, eine Eisenbahnstation im Herzen Russlands, im Tula-Gebiet, einer der „bedeutsamsten Brutstätten der großen russischen Literatur“, wie Oleg Jurjew anmerkt. Sie markiert einen entscheidenden Wendepunkt in der Novelle.
Reduziert aufs Minimalistischste erzählt Petrow von einer Kriegsromanze als persönliche Utopie des Erzählers: die Utopie des 18. Jahrhunderts. „Ich dachte daran, wie leer mein Dasein war, und daran, dass das Leben für sich allein genommen nichts ist, eine glatte gerade Linie, die in den Raum flieht, eine Fahrspur auf einem Schneefeld, ein verschwindendes Nichts. 'Etwas' beginnt dort, wo die Linie andere Linien kreuzt, wo das Leben ein fremdes Leben betritt.“ Er macht einen lebendigen, wirklichen und realen Menschen – die unstete, einfache Vera-Manon Muschnikowa – zu einer Romanheldin („Sie ähnelt gleichzeitig Marie-Antoinette und Manon Lescaut“) und damit zum Spielball seiner Sehnsüchte und „zum Spielzeug seiner persönlichen Mythen“. „Auf der Pritsche liegend, hatte ich mir die Liebe zu dieser sowjetischen Manon Lescaut ausgedacht. Ich hatte Angst davor, mir zu sagen, dass es nicht so war, dass ich mir nichts ausgedacht hatte, sondern tatsächlich alles vergessen und mich selbst verloren hatte und nur davon lebte, dass ich Vera liebte.“ So etwas kann natürlich nicht gut enden und endet tragisch.
„Die Manon Lescaut von Turdej“ offenbart sich dem Leser wie ein Gemälde von Isaak Iljitsch Lewitan, einem der bedeutendsten russischen Maler des Realismus. Hier wie dort sieht man trotz ihrer literarischen Reduktion „die bewegungslose Daseinsfülle jedes Dings, das gegen die Zeit und gegen Veränderungen gefeit ist.“ Zudem atmet das schmale Büchlein den Geist der russischen Literatur eines Tolstoi, Turgenjew oder Leskow. Ihm wohnt ein eigenartiges und rätselhaftes Glücksgefühl inne. Gleichzeitig zeigt der Text dem Leser, dass das Leben in einer Utopie, fern barer Realität, nicht möglich ist.
„Die Zeit war irgendwie vom Weg abgekommen: Sie verband nicht das Vergangene mit dem Zukünftigen, sondern lenkte mich zur Seite.“ (aus „Die Manon Lescaut von Turdej“)

Wsewolod Petrow
Die Manon Lescaut von Turdej
Titel der Originalausgabe: Turdejskaja Manon Lesko
Aus dem Russischen von Daniel Jurjew
Weidle Verlag, Bonn (September 2012)
124 Seiten, Broschiert
ISBN-10: 3938803487
ISBN-13: 978-3938803486
Preis: 16,90 EURO

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Heike Geilen, geboren 1963, studierte Bauingenieurswesen an der Technischen Universität Cottbus. Sie arbeitet als freie Autorin und Rezensentin für verschiedene Literaturportale. Von ihr ist eine Vielzahl von Rezensionen zu unterschiedlichsten Themen im Internet zu finden.

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