Die gute Kritik: Alfred-Döblin-Stipendiaten in Lesung und Gespräch

Da war ich also gestern. Gewissermaßen als Alumnus. Die Akademie der Künste lud für den gestrigen Abend aktuelle und ehemalige Döblin-Stipendiaten in in den kleinen Saal im vierten Stock am Pariser Platz 4. Die Stuhlreihen bieten etwa einhundert Gästen Platz und sind restlos besetzt. Auf dem Podium stellen Luise Boege, Ricoh Gerbl, Boris Preckwitz und Ellen Wesemüller ihre 2012 im von Günter Grass gestifteten Alfred-Döblin-Haus in Wewelsfleth entstandenen Texte vor. In Luise Boeges französisch betiteltem Text, den weder sie noch der gut aufgelegte Moderator Jörg Feßmann eindeutig übersetzen kann, stattet ein „öffentlicher Körper“ in der Beschreibung eines Kapuze tragenden Streuners, der nichts kafkaeskes oder browneskes hat, dafür aber viel von einem einem verzweifelten Dealer oder Prostituierten, der Erzählerin des Textes einen Besuch ab. Das heißt, eigentlich will er zum abwesenden Mitbewohner Dimitri, aber der ist nicht da. Den Dimitri, so stellt es Frau Boege im anschließenden Gespräch dar, hätte sie sich aus Dostojewskijs „Dämonen“ ausgeliehen, weil die das Buch gerade gelesen hatte und „auch so was schreiben“ wollte. Merke: Solcher Wille ist des Autors bitterste Pille! Dass Frau Boege, jung an Jahren, geschickt ihren Text zu drehen und zu wenden vermag und ganze Szenen neu zu ordnen weiß, was sie womöglich bei Lynch beobachtet haben mag, täuscht nicht darüber hinweg, dass ihr ein eigenes Thema, ein eigenes nachvollziehbares Interesse an irgend einer nachvollziehbaren Ungerechtigkeit in dieser Welt, noch fehlt. Obwohl der „Öffentliche Körper“, etwas kafkaesker, etwas brownesker, diese Rolle mit Bravour stemmen könnte. Der Blick des Zuhörers vom Kleinen Saal rüber zur gläsernen goldlichtig illuminierten Reichstagskuppel wäre in Bezug auf Boeges „Öffentlichen Körper“ vielleicht noch zu erwähnen. Und dass der Rezensent davon überzeugt ist, dass Frau Boege diese Hürde auch wirklich noch überwindet. Sie liest mit sicherer Stimme und zeigte sich schlagfertig gegenüber Moderator Feßmann.
Vor der genannten Hürde steht nach Ansicht des Rezensenten auch noch Ricoh Gerbl, die von der Bildenden Kunst, zu der sie „über eine Lüge“ gekommen sei, was sie an anderer Stelle einmal äußerte, zur schönen Literatur spagatierte. Ihre, aus vielen Textpassagen, Textschnipseln und Alltagsreflexionen und der Darstellung eines Kopfkinos während einer Selbstbefriedigung bestehenden Textproben, aus ihrem Romanprojekt „Miriam Wolf – Eine Anpassung“, sind zwar ebenfalls gut geschrieben und mit Verve montiert, doch ob da auch ein Roman dabei heraus kommt, wurde nicht ersichtlich. Warum nicht? Vielleicht gerade deshalb, weil sich eine tiefere (gesellschaftliche) Wahrheit in den ausgewählten Szenen einfach nicht ausmachen lässt. Ohne diese Tiefe aber kann zwar Roman drauf stehen, aber es muss noch lange kein Roman drin sein. Dies als Anregung für den weiteren Hürdenlauf, der nun einmal sein muss. Der Rezensent mag Frau Gerbl im Ziel einlaufen sehen. Nun Boris Preckwitz und Ellen Wesemüller. Ellen Wesemüller las zuletzt, der Rezensent zieht sie hier im Text vor. Ellen Wesmüller war ihm die liebste. Ellen Wesemüller ist wohl die erste, die ihren Döblin – Aufenthalt dazu nutzte, das erlebte Leben oder die „wirkliche Wirklichkeit“ jener drei Monate in Wewelsfleth in scharf geschnittener feuilletonistischer Manier festzuhalten. Der Rezensent findet, dass Ellen Wesemüller dazu ein wunderbares Talent hat. Die auftretenden und ja in wirklich in W. lebenden Protagonisten_innen gehen einem ans Herz und der Rezensent hätte Frau Wesemüller gern noch eine Stunde zugehört und länger. Das liegt auch daran, weil ersichtlich wurde, dass sich in W. seit zwanzig Jahren weder an der nordischen selbstbestimmten Höflichkeiten noch an der nachgiebigen Bockigkeiten etwas geändert hat. Und das gefällt er Ewigkeit – und für die schreiben ja alle. Auch gefallen haben dem Rezensenten Frau Wesemülles Beobachtungsgabe und ihr Händchen für Verknappung – wann es mit dem Gesagten eben gut ist. Alles präzise und unglaublich charmant. Das Buch bitte schnell auf den Tisch! Nun also Boris Preckwitz, über dessen vorgestellten vier Kapitel aus einem politischen Langgedicht (erschienen in der Münchner Lyrikedition 2000, anwesend der Herausgeber Florian Voß), es einiges zu sagen gibt. Erstens: das politische Gedicht fristete in Deutschland seit der Wiedervereinigung ein Altersdasein in Antiquariaten. Warum das so war, mag an den erst jetzt einsetzenden Wirkungen der Teilung liegen. Die sich über die letzten zwei Dekaden erstreckenden Versuche einer Rückeroberung des gemeinsamen deutschen Nationalgefühls auf kultureller Ebene, verurteilten das politische Gedicht zur Lebensunfähigkeit. Von Walter von Vogelweide bis zum moderneren Dreigestirn Wecker-Biermann-Wader gehörten das artifizielle politische Gedicht – und Liedgut fest zu unserer deutschen Kultur. Als Deutschland 1990 endlich am Ziel seines Traumes eines einheitlichen Staates angelangt war, verschwand diese Tradition im Keller. Nun zeigen, ein Vierteljahrhundert nach der Einigung, die vierzig Jahre Trennung plötzlich ihre Wirkung: der größte Verlust, den Politiker wie Carlo Schmid am meisten fürchteten, tritt zutage: der Verlust des gemeinsamen Nationalgefühls – und mehr noch: das schwindende Interesse für den eigenen Kontinent Europa. Überhaupt überall Interpolationen, die Boris Preckwitz, in der späten Nachfolge von Georg Herwegh vielleicht, zum hoch-aktuellen poetischen Appellplatz schleift. Merke: Bitten politisch verboten!
In seinem kraftvollen Poem „Der schlimmste Feind“ schreibt Herwegh:
„[…]
Dies Volk, das im gemeinen Kitzel
Der Macht das neue Heil erblickt
Und als 'Erzieher' seine Spitzel
Dem unterjochten 'Brüdern' schickt.
[…]“

Wer sind heute die Brüder und Schwestern in der heutigen Europäische Union und was ist mit ihnen los? Wie greifen die Zeitschriften die Wahrheit auf? Wie geht es hinter den geschlossen Türen der Industrie- und Machtzentralen zu? Türen öffnen scheint die Herausforderung für Wissenschaften und Künste zu bleiben. Boris Preckwitz hat das gestern Abend eindrucksvoll zelebriert. Und in diesem Punkt ziehen schließlich auch seine Mitstreiterinnen Luise Boege und Ricoh Gerbl mit. Ellen Wesemüller aber bleibt dem Rezensenten die liebste. Und Jörg Feßmann ist ein fescher, sich auf angenehme Weise nicht in den Vordergrund drängender Moderator.
Der Abend – von moderater Kontur.

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Axel Reitel (*1961); 1982 Freikauf/Ausbürgerung; seit 1982 Hamburg, dann Westberlin; 1983 literarisches Debüt; 1985-1990 Studium (Kunstgeschichte/Philosophie); seit 1990 freischaffender Autor (u. a. Jugendstrafvollzug der DDR; Theorie vererbter Schuld); seit 2003 freier Mitarbeiter der ARD. Lebt in Berlin.

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