Die Notwendigkeit des Christentums

Gipfelkreuz, Foto: Stefan Groß

Ein schwieriger Titel mit zwei unklaren Begriffen gleich in der Überschrift… Die „Not-wendigkeit des Christentums“. Diese Überschrift drückt aus, dass eine Not besteht, die nur durch das Christentum gewendet werden kann. Der unvoreingenommene Leser wird diese Überschrift als bevormundend empfinden, weil der christliche Autor, schon im Titel dem Leser eine Antwort gibt, die zum Widerspruch reizt. – Dazu kommt der Begriff „Christentum“, unter dem so viele verschiedene Erscheinungsformen existieren, dass man fragt , was mit diesem Namen gemeint ist. Nach welchem Kriterium soll man feststellen, was mit „Christentum“ gemeint ist?

Für denjenigen, der das Christentum nicht kennt, besteht subjektiv keine Notwendigkeit, Christ zu werden, weil er es nicht kennt, wohl aber für den, der den Gott des Christentums erfahren und erkannt hat. Dann hat er auch die Not erkannt, die der christliche Glaube überwinden kann. Diese Erkenntnis wird ihn umso mehr motivieren, diesen Glauben anzunehmen, weil dann Erkenntnis und das entsprechende Handeln übereinstimmen.

Die schwierigere Frage ist die nach der Identität des Christentums. Für den Christen beruht sein Glaube ohne Rückgriff auf Mythologie, Philosophie oder Ideologie auf der Realität des neu erschaffenen Menschen. Der am Kreuz getötete Jesus von Nazareth ist nach drei Tagen aus dem Tod unter die Lebenden zurückgekehrt. Zu allen Zeiten gab es Menschen, die diese Botschaft für eine erfundene Idee, für einen Betrug, gehalten haben. Für den Christen ist es eine historische Realität, bezeugt durch eine Reihe von Erscheinungen des Auferstandenen vor den Myrrhenträgerinnen, vor Petrus, den zwölf Jüngern, vor einer Vielzahl von Gläubigen und zuletzt vor dem Apostel Paulus (1. Kor. 15,1-9). Die Christen reden nicht nur über den neuen Menschen, der den Tod überwunden hat, sondern sie haben ihn – gesehen und berührt (Joh. 20,24 ff.).

Wer diesen Augenzeugen glaubt, hat nichts Eiligeres zu tun, als sich um diese Frohbotschaft der Überwindung auch seines eigenen Todes zu kümmern, die der Mensch gewordene Gottesohn in seinem Evangelium verkündet und selbst vollzogen hat. Er hat verheißen, dass auch wir, wie er durch den leiblichen Tod hindurchgehen müssen und durch Glaube und Taufe die neue Seinsweise der Überwindung des Todes nach seinem Vorbild erlangen werden. Dies ist der Glaube der Apostel und der Kirche seit zwei Jahrtusenden, der von vielen Menschen abgelehnt und verfolgt wurde und wird. Wo finden wir diesen Glauben unter den ins Zahllose gehenden Erscheinungsformen des Christentums? 

Auf der Suche nach der Identität des Christentums kann man nicht die beiden großen Traditionsbrüche in der westlichen Christenheit übergehen, ohne dazu Stellung genommen zu haben. Aus orthodoxer Sicht geht es bei dem Festhalten der eigenen Tradition um die Fülle des christlichen Zeugnisses in der Verantwortung vor Gott.

Der erste große Bruch in der Kirchengeschichte ist das endgültige Ausscheiden der dem Bischof von Rom unterstellten Christen aus dem Chor der Gesamtchristenheit mit dem großen Schisma von 1054. Schon lange vorher waren einige zeitweise Trennungen im ersten Jahrtausend vorausgegangen . So beanspruchte Papst Leo I. (440-461) für sich die Leitung der Gesamtchristenheit und lehnte den Kanon 28 des Konzils von Chalcedon ab, der ihm nur einen Ehrenvorrang unter seinen Amtsbrüdern zugebilligt hatte. Er gab sich den Titel: Stellvertreter Christi, der von da an bis heute zu denen Ehrentiteln des Papstes gehört. Das theologische Problem dieses Titels ist die Überbetonung der zweiten Person des dreieinen Gottes in seinem Heilshandeln an der Welt und ein Verdrängen des Wirkens des Heiligen Geistes. Dieser ist es, der nach der Himmelfahrt des Herrn die Kirche durch die Zeit bis zur Wiederkunft Christi leitet. Von ihm spricht Christus: Und ich will den Vater bitten, und er wird euch einen anderen Tröster geben, dass er bei euch sei in Ewigkeit … Ich will euch nicht als Waisen  zurücklassen (Joh. 14,16 ff.). Wenn Christus hier von dem „anderen Tröster“ spricht, so lässt sich daraus erschließen, dass er der eine Tröster ist und der Heilige Geist, der hier als der „andere Tröster“ gemeint ist. Beide sind also Tröster und von gleichem Rang. Sie sind die beiden Hände Gottes, wie es der Kirchenvater Irenäus ausgedrückt hat. Hier liegt der tiefste Unterschied zur westlichen Christenheit insgesamt: in der Lehre vom dreieinen Gott und vom Wirken des Heiligen Geistes.

Der Verlust der Einheit der Kirche des ersten Jahrtausends, führte zu einer politischen Machtfülle des Papstes, und einer Überbetonung der kirchlichen Hierarchie, die die Ursache für den größten Unfall in der Kirchengeschichte wurde: die Reformation. Sie betonte die Christusbeziehung des Gläubigen ohne alle institutionelle Ordnung in der Gemeinde. An die Stelle der Autorität der Kirche trat der Glaube des einzelnen Christen.

Maßstab und „Richtschnur“ sollte die Heilige Schrift sein. Da alle kirchliche Autorität abgelehnt worden war, konnte niemand mehr über Wahrheit und Irrtum entscheiden, Die Folge war eine Verinnerlichung des Glaubens und seines Zeugnisses und, dass die Reformatoren keine einheitliche offizielle Lehre des Glaubens mehr bieten konnten. Ihre Bekenntnise  waren zeitgebundene Absprachen der jeweils versammelten Theologen, für die es keine kirchliche Autorität mehr gab. So wurde der Protest gegen alle Hierarchie die Quelle für eine Zersplitterung der reformatorischen Christenheit ins Zahllose bis heute. Auch die Bewegung des Weltrates der Kirchen kann der Rückkehr zur Einheit der Christen nicht dienen, wenn sie stets neu entstehende Gemeinschaften anerkennt und in sich aufnimmt.

Der griechisch-orthodoxe Theologe Nikos Nissiotis sieht in beiden Auffasungen von der Kirche einen „Christomonismus“, d.h. im „Stellverteter Christi“ vollzieht sich eine „Ent-funktionalisierung des Heiligen Geistes“, wie es der römisch-katholische Theologe Michael Künzler formuliert. Das Gleiche geschieht dem Heiligen Geist in der Verinnerlichung des Glaubens an Christus in den Gemeinschaften der Reformation, so dass der Heilige Geist auf die Quelle der Frömmigkeit reduziert wird und nicht mehr derjenige ist, „der in alle Wahrheit führt“. Denn die Frömmigkeit bezeichnet nur das Wie des Glaubens, nicht das Was seines Inhalts.

Zur  „Notwendigkeit des Christentums“ gehört nicht nur die Tradition seines Inhalts, wie sie im  Nizänischen Glaubensbekenntnis in vielen evangelischen Gemeinden überliefert sind, sondern auch die rechte Verwaltung und Durchsetzung durch die Autorität der Kirche als Stimme des Heiligen Geistes.                      

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