Die zitternde Kanzlerin

Bundeskanzlerin Angela Merkel in Salzburg Foto: Stefan Groß

Im Juni 2019 hatte die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel bei zwei öffentlichen Auftritten aufsehenerregende Zitterattacken am ganzen Körper. Die erste Zitterattacke ereignete sich, als sie gemeinsam mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj bei dessen Staatsbesuch die Ehrenformation der Bundeswehr abschritt. Ihre Beine und ihr Körper fingen plötzlich an heftig zu zittern. Die Bundeskanzlerin erklärte später, sie habe an diesem heißen Tag zu wenig getrunken und dies sei die Ursache für diesen Anfall gewesen. Zehn Tage später wiederholte sich jedoch diese Art von Zitteranfall, wiederum in der Öffentlichkeit. Bei der Überreichung der Ernennungsurkunde an die neue Bundesjustizministerin Christine Lambrecht stand die Bundeskanzlerin im Schloss Bellevue neben Bundespräsident Franz-Walter Steinmeier. Plötzlich begann erneut ihr ganzer Körper zu zittern. Jetzt war die Öffentlichkeit sensibilisiert und die Suche nach Antworten war hektisch und übertrieben. Merkel selbst interpretierte ihr erneutes Zittern als „Kopfsache“. Vertreter aus Regierungskreisen ließen sich hinreißen, gegenüber der Stuttgarter Zeitung zu äußern: „Die Erinnerung an den Vorfall in der letzten Woche führte zu der Situation heute, also ein psychologisch-verarbeitender Prozess.“ Der entsprechende Artikel in der Zeitung trägt die Überschrift „Kanzlerin macht ihre Psyche für Zittern verantwortlich“ (Christopher Ziegler, Stuttgarter Zeitung vom 27.6.2019).

„Das Zittern der Macht“

Wenige Tage später machte sich der bekannte politische Journalist Hans-Ulrich Jörges zum Sprecher für das ungelöste Problem. In seiner Kolumne im „Stern“ vom 3.7.2019 unter dem Titel „Das Zittern der Macht“ können wir folgendes lesen:

„Die Kanzlerin ist krank. Seit dem zweiten überaus verstörenden Zitteranfall binnen weniger Tage muss angenommen werden: Da ist etwas. Mehr als sie zugeben möchte. Ernst jedenfalls, womöglich von Dauer und vorerst rätselhaft. Das ändert alles, Angela Merkels persönliche Lage wie die Perspektiven der ohnehin torkelnden Koalition. Und damit Europa und die Weltpolitik. Merkels Zittern ist auch ein Zittern der Macht, ein dickes rotes Ausrufezeichen hinter den Krisenberichten aus der deutschen Hauptstadt. (Hans-Ulrich Jörges, Stern vom 3.7.2019)

Kurze Zeit nach dem zweiten Zitteranfall in Berlin flog die Bundeskanzlerin Angela Merkel zu dem G-20-Gipfel nach Osaka. Auf dem offiziellen Gruppenfoto steht Angela Merkel ganz rechts außen. Mittlerweile trieb die Lust an Spekulationen immer neue Blüten. Nun sollte es symbolische Bedeutung haben, dass Angela Merkel am äußersten Rand statt in der Mitte stand. Sie wurde mit Phobikern verglichen, die sich wegen ihrer Angst in geschlossenen Räumen ganz außen oder weit hinten einen Platz suchen, von dem sie schnell „verschwinden“ können. Schließlich verstieg sich der Journalist Jörges in eine Spekulation über Diagnosen und fügte den Satz an: „Von Amtsunfähigkeit kann überhaupt keine Rede sein“.

Diagnosen-Poker von Ärzten

Nachdem die Medienhysterie der beteiligten Journalisten derart groteske Übertreibungen verbreitet hatte, fanden sich nun auch Ärzte ermutigt, Fern-diagnosen zu stellen. Ohne Angela Merkel jemals persönlich gesehen oder untersucht zu haben, fühlten sie sich bemüßigt, voreilig ungerechtfertigte Diagnosen zu stellen. So wurde über Dehydrierung, Unterzuckerung, Diabetes, Erschöpfung, multiple Sklerose oder Parkinson spekuliert.

„Wer zittert denn da?“

Einen Tag nach der Kolumne von Hans-Ulrich Jörges erschien in der angesehenen Wochenzeitschrift „Die Zeit“ ein langer Artikel von Elisabeth von Thadden mit der Überschrift „Wer zittert denn da?“. Der Untertitel lautet: „Was die deutsche Bundeskanzlerin mit der Schriftstellerin Siri Hustvedt verbindet: Alle Welt guckt hin, wenn solche Frauen mal wackeln.“ In der Tat hat Siri Hustvedt vor neun Jahren eines der besten Bücher über solche Zitteranfälle geschrieben. Interessanterweise hat bereits damals Elisabeth von Thadden die Rezension über dieses Werk geschrieben unter dem Titel „Warum zittere ich?“ (Elisabeth von Thadden, Die Zeit vom 30.1.2010). Bemerkenswert sind frappierende Gemeinsamkeiten: In beiden Fällen handelt es sich um Frauen, sogar sehr erfolgreiche Frauen. Beide erlitten plötzlich und unerwartet in der Öffentlichkeit vor dem Blick der anderen einen Zitteranfall. In banalen Alltagssituationen hingegen trat das Zittern nie auf.

Der dritte Zitteranfall

Am 10. Juli 2019 erlitt Angela Merkel beim Empfang des finnischen Ministerpräsidenten Antti Rinne erneut einen Zitteranfall. Der Staatsgast aus Finnland wurde mit militärischen Ehren empfangen. Beim Abspielen der Nationalhymnen trat wieder das Zittern auf. Die bezüglich ihrer Zitteranfälle bislang wortkarge Kanzlerin äußerte sich diesmal etwas ausführlicher. Sie sprach davon, dass sie sich „noch in einer Verarbeitungsphase“ befinde. Sie habe den ersten Zitteranfall noch nicht verkraftet. Die Verarbeitungsphase sei „offensichtlich noch nicht ganz abgeschlossen“. Ihr Satz „Ich muss damit jetzt eine Weile leben“ lässt vermuten, dass sie weitere Zitteranfälle für möglich hält. Die nächste Exposition wird in wenigen Tagen am 14. Juli sein, wenn sie sich mit den französischen Präsidenten Emmanuel Macron zur traditionellen Militärparade am Nationalfeiertag trifft.

 Wer an der Komplexität dieses Symptoms und den möglichen Erklärungen interessiert ist, der möge das Werk „Die zitternde Frau“ von Siri Hustvedt lesen.

Die Autorin gilt als die derzeit bekannteste lebende Schriftstellerin der USA. Seit dem 16. Lebensjahr liest sie Fachliteratur über Psychoanalyse, Hirnforschung und Neurowissenschaften. Ihr Buch ist eine komplexe Verbindung von Autobiographie und Sachbuch. Hustvedt geht darin dem eigenen Zittern auf die Spur und referiert sehr fachkundig über die wissenschaftliche Fachliteratur zum Zittern als Symptom und Krankheit.

Literatur:

Hustvedt, Siri (2010) Die zitternde Frau. Eine Geschichte meiner Nerven. Rowohlt, Reinbek

Jörges, Hans-Ulrich (2019) Das Zittern der Macht. Der Stern vom 3.7.2019

Thadden, Elisabeth von (2010) Warum zittere ich? Die Zeit vom 30.1.2010

Thadden, Elisabeth von (2019) Wer zittert denn da? Was die deutsche Bundeskanzlerin mit der Schriftstellerin Siri Hustvedt verbindet: Alle Welt guckt hin, wenn solche Frauen mal wackeln. Die Zeit vom 4.7.2019

Ziegler, Christopher (2019) Kanzlerin macht ihre Psyche für Zittern verantwortlich. Stuttgarter Zeitung vom 27.6.2019

Korrespondenzadresse:

Professor Dr. med. H. Csef 

Schwerpunktleiter Psychosomatische Medizin und Psychotherapie

Zentrum für Innere Medizin

Medizinische Klinik und Poliklinik II

Oberdürrbacher Straße 6

97080 Würzburg

E-Mail-Adresse: Csef_H@ukw.de

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Über Herbert Csef 38 Artikel
Prof. Dr. Herbert Csef, geb. 1951, Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Psychoanalytiker. Studium der Psychologie und Humanmedizin an der Universität Würzburg, 1987 Habilitation. Seit 1988 Professor für Psychosomatik an der Universität Würzburg und Leiter des Schwerpunktes Psychosomatische Medizin und Psychotherapie an der Medizinischen Klinik und Poliklinik II des Universitätsklinikums. Seit 2009 zusätzlich Leiter der Interdisziplinären Psychosomatischen Tagesklinik des Universitätsklinikums. Seit 2013 Vorstandsmitglied der Dr.-Gerhardt-Nissen-Stiftung und Vorsitzender im Kuratorium für den Forschungspreis „Psychotherapie in der Medizin“. Viele Texte zur Literatur.