Evelyn Annuß: Volksschule des Theaters. Nationalsozialistische Massenspiele

Trojanisches Pferd, Foto: Stefan Groß

Evelyn Annuß: Volksschule des Theaters. Nationalsozialistische Massenspiele, Wilhelm Fink, Paderborn 2019, ISBN: 978-3-7705-6373-9, 39,90 EURO (D)

Seit 2017 ist Evelyn Annuß Privatdozentin am Theaterwissenschaftsinstitut der Ruhr Universität Bochum und hat dort im Rahmen ihres DFG-Projekts über nationalsozialistische Massenspiele habilitiert. Dies ist ihre Habilitationsschrift, wofür sieMaterialien aus fünfzig verschiedenen Archiven, eine Vielzahl von Nachlässen sowie das Bildmaterial mit fast 150 Inszenierungsfotografien ausgewertet und eingebaut hat: „Mich interessiert, welche ästhetischen Formen aufgegriffen, wie sie (…) reakzentuiert, wozu sie mobilisiert werden und inwiefern sich daran sozusagen regierungskünstlerische Verschiebungen abzeichnen, die letztlich auch über die NS-Diktatur hinausweisen.“ (S. 2)

Als „Volksschule des Theaters” werden populistische Massenspiele nach der Machtübernahme entwickelt, die „als Instrument nationalsozialistischer Volksbildung“ verstanden wurden. Für diese nationalsozialistischen Massenspiele ist konstitutiv, dass die Mittel von Theater und Politik ineinandergreifen. Ein kollektives Bedürfnisund die Formung einer manipulativen Form der Massenkultur gingen von diesen Spielen aus. Sie stellt die These auf, die sich politische Ästhetik des Nationalsozialismus nicht in den theatralen Formen widerspiegelt, sondern schildert dies zunächst offener Findungsprozess, das gepaart mit inneren Widersprüchen und in der sich verschiedene theatralen Formen modern choreographiert, sollen sie das kollektive Bedürfnis hervorrufen, formiert und geführt zu verbanden. Das nationalsozialistische Massenspielsollte vordergründig als „spektakuläres Event“ unterhalten, in der Propaganda der Nazis wurde die Parole „Erziehen und Vergemeinschaften“ ausgegeben, eine Art von der Partei kontrollierte Vergemeinschaftung, die jede Art der NS-Ideologie transportiert. 

In den folgenden Kapiteln stellt sie detailliert das Wechselspiel zwischen politischer und ästhetischer Form dar und untersucht auch die Beziehung der nationalsozialistischen Massenspiele zu anderen aufkommenden Medien (Kino, Film, Radio). 

Jedes Kapitel enthält einzelne Inszenierungsbeispiele der verschiedenen Massenspielformenund Versuche einer Ästhetisierung von Politik vor sich gegangen sind. Dabei werden Inszenierungskonkurrenzen wie die Olympiaplanung, das Architekturtheater, die Thingspiele, die Landschaftsbühne und verschiedenen Formfusionen nach der Abkehr vom Thing und Beispiele der inszenierten „Volksgemeinschaft“ mit Führerkult. Dies wird auch immer wieder mit Bildern und Entwürfen begleitet.

Hier werden die Elemente, Ausdrucksformen und Zielsetzungen des nationalsozialistischen Massenspiels in einzelnen Kapiteln detailliert herausgearbeitet. Besonders spannend sind die Ausarbeitung der ästhetischen Kontinuitäten bis in die Gegenwart und die verschiedenen Elemente und Phasen der Inszenierungsprozesse der „nationalsozialistischer Volksbildung“ sowie ihre inneren Widersprüche. Die ästhetischen Mittel werden intermedial mit anderen Massenmedien in Beziehung gesetzt, es zeigt, dass die Beherrschung und Manipulation der Bevölkerung nicht dem Zufall überlassen wurde. Hervorzuheben ist die umfassende Recherche- und Archivarbeit.Ein weiterer Schritt könnte sein, diese Ergebnisse des aufschlussreichen Buches von Annuß mit anderen faschistischen Formen der politischen Ästhetik zu vergleichen.

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Michael Lausberg
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Dr. phil. Michael Lausberg, studierte Philosophie, Mittlere und Neuere Geschichte an den Universitäten Köln, Aachen und Amsterdam. Derzeit promoviert er sich mit dem Thema „Rechtsextremismus in Nordrhein-Westfalen 1946-1971“. Er schrieb u. a. Monographien zu Kurt Hahn, zu den Hugenotten, zu Bakunin und zu Kant. Zuletzt erschien „DDR 1946-1961“ im tecum-Verlag.