Gespräch mit dem Mörder – Alexej Nawalny telefoniert mit dem Geheimdienst

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Wer in postkommunistischen Staaten wie der Russischen Föderation als Aufklärer unterwegs ist, lebt höchst gefährlich. Der 1976 in der Nähe Moskaus geborene Rechtsanwalt Alexej Nawalny hat das am eigenen Leib erfahren müssen. Er wäre am 20. August 2020 von Killern des russischen Inlandsgeheimdienstes in der sibirischen Stadt Tomsk fast vergiftet worden, wenn er nicht dieses schier unglaubliche Glück gehabt hätte. Nur dem beherzten Handeln der russischen Flugzeugbesatzung war es zu verdanken, dass der vor Schmerzen schreiende Passagier nach einer nicht vorgesehenen Zwischenlandung in der sibirischen Stadt Omsk, 744 Kilometer westwärts von Tomsk gelegen, ins Krankenhaus gebracht und dort behandelt worden wäre. Von Omsk wurde er dann nach Berlin geflogen, in der Charité mehrmals operiert und am 22. September entlassen.

Das alles ist der Weltöffentlichkeit bekannt, auch wenn die russische Regierung diese scheußlichen Vorgänge bestreitet. Alexej Nawalny, ein mutiger Mann, den man bewundern muss, wollte aber mehr wissen. Er wollte mit den Hintermännern des Mordanschlages sprechen. Dass der Inlandsgeheimdienst, dessen Chef Wladimir Putin 1998/99 selbst war, den Anschlag geplant hatte, war ihm klar. Schließlich hatte er, bis in die höchste Staatsspitze hinein, Fälle von Korruption aufgedeckt und war zweimal, untere einem Vorwand, zu jeweils fünf Jahren Haft verurteilt worden, obwohl er in der Bevölkerung so beliebt war, dass er 2013 bei der Moskauer Oberbürgermeisterwahl 27 Prozent der Stimmen erhalten hatte.

Am 14. Dezember 2020 wagte er ein Husarenstück: Er rief nacheinander drei Agenten des Inlandsgeheimdienstes in Moskau an, um mehr über den Mordanschlag zu erfahren: Der erste Agent erkannte seine Stimme und legte auf; der zweite beantwortete die erste Frage Alexej Nawalnys, dann legte auch er auf; der dritte Agent aber war außerordentlich gesprächig und plauderte eine Dreiviertelstunde aus dem Nähkästchen! Der oppositionelle Rechtsanwalt hatte sich zuvor als Assistent des Chefs des russischen Sicherheitsrates ausgegeben. Was er erfuhr, war schrecklich genug: Das tödliche Kontaktgift Nowitschok wäre in die Unterhose gestrichen worden, allerdings wäre der Flug, der von Tomsk nach Moskau ging, zu kurz gewesen, weil eine Zwischenlandung in Omsk stattgefunden hatte, sonst wäre der Mord vollzogen worden. Aber bis heute versichert Wladimir Putin mit treuherzigem Augenaufschlag, seine Regierung hätte mit diesem Verbrechen nicht das Geringste zu tun!

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Jörg Bernhard Bilke
Über Jörg Bernhard Bilke 217 Artikel
Dr. Jörg Bernhard Bilke, geboren 1937, studierte u.a. Klassische Philologie, Gemanistik und Geschichte in Berlin und wurde über das Frühwerk von Anna Seghers promoviert. Er war Kulturredakteur der Tageszeitung "Die Welt" und später Chefredakteur der Kulturpolitischen Korrespondenz in der Stiftung ostdeutscher Kulturrat.