Karrieremotor Deutsch

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Immer mehr junge Tschechen lernen die Sprache ihres nördlichen Nachbarn, der belasteten Vergangenheit zum Trotz.

Nein, umgekehrt sei das nicht so, sagt Roy Müller (41). Also dass übermäßig viele Deutsche Tschechisch lernten. Obgleich die Sprache in Sachsen an öffentlichen und anerkannten Ersatzschulen unterrichtet wird; mit offiziellen Lehrplänen und Prüfungsordnungen. Müller, gebürtiger Zwickauer, unterrichtet an einem Wirtschaftsgymnasium in der Oberlausitz und spricht die Sprache von Vaclav Havel, Karel Gott und Jan Hus fast fließend. Als Schüler hatte der studierte Betriebswirt für Tourismusmanagement, erfolgreich an Russisch-Olympiaden teilgenommen und interessiert sich, wie er sagt, von jeher „für fremde Sprachen“.

Tschechischer Biolehrer

Was hierzulande eher exotisch anmutet, entpuppt sich beim Blick nach Tschechien als Trend: Immer mehr junge Leute lernen und studieren dort Deutsch. „Wohl auch, weil sie damit gute Berufschancen haben“, glaubt Müller. An seiner Schule unterrichtet seit drei Jahren ein tschechischer Kollege Biologie und Sport. Mehrere Jahre hatte der sich als Bühnenarbeiter und Fitnesslehrer verdingt, bis er Deutsch lernte und kurz darauf in Sachsen eine Lehrerstelle antrat. Immerhin bis zur zehnten Klasse darf er nun unterrichten und sogar Abschlussprüfungen abnehmen. Müllers Lebensgefährtin, ebenfalls Tschechin, arbeitet in Dresden mit lernbehinderten Kindern.

Eine zentrale Anlaufstelle für Deutsch-Interessierte Studenten ist in Tschechien die Universität Usti nad Labem, wenige Kilometer vor der deutschen Grenze. Dass die Stadt früher Außig hieß und viele deutsche Firmen dort investieren, ist für viele mit ein Grund, die Sprache des Nachbarn genau dort zu lernen und sich zum Pädagogen oder Linguisten ausbilden zu lassen. Der moderne Campus von Usti nad Labem, unweit der Innenstadt bietet dafür gute Voraussetzungen. „Deutsch hat bei uns eine lange Tradition“, sagt die Pressesprecherin des Unirektors. Und fügt hinzu, dass die belastete Vergangenheit, die Zeit der deutschen Besatzung nur „noch in den Geschichtsbüchern eine Rolle“ spiele. Heute stehe für junge Leute eher die Aussicht auf gut bezahlte Jobs im Mittelpunkt, sagt sie. In der Tat: Wer in Tschechien bei Volkswagen, DHL, der Telekom oder Skoda anheuert, sollte auch über solide Deutschkenntnisse verfügen; selbst wenn das offiziell nicht so auf den Internetseiten der Konzerne steht.

Lackmustest bei den Steyler Missionaren 

Allein ein Blick auf die Internetseite der tschechischen Botschaft in Berlin zeigt, welch hohen Stellenwert Deutsch bei unseren Nachbarn genießt. Lang ist dort die Liste der Institutionen, Zirkel und Vereine, die sich der deutsch-tschechischen Zusammenarbeit verschrieben haben; darunter auch katholische Ordensgemeinschaften, wie die Steyler Missionare, in deren Reihen sich Patres und Brüder aus Tschechien befinden und die oft fließend Deutsch sprechen, wie Pater Eduard Prawdzik SVD bestätigt. Tschechien ist bis heute in weiten Teilen katholisch geprägt. Die osteuropäischen Mitbrüder seien nach seinem Empfinden deutlich fremdsprachenaffiner, als die Deutschen, sagt Prawdzik. In der Tat ist die Zahl der Deutschen, die Tschechisch sprechen oder lernen, überschaubar. In Sachsen kann es zwar als zweite oder dritte Fremdsprache mit Abituroption gewählt werden. Doch nur eine Handvoll Gymnasien in Grenznähe bietet entsprechende Kurse an, darunter das Friedrich-Schiller-Gymnasium in Pirna. Seit 1991 gibt es dort regelmäßige Austauschprogramme mit Tschechien. Fast durchgängig sind Tschechen an der Schule, während deutsche Schüler zeitgleich in Tschechien lernen. Und doch ist das Pirnaer Modell bis dato eine Ausnahme. „Das Problem ist, dass sich Deutsche mit dem Erlernen osteuropäischer Sprachen tendenziell schwer tun“, weiß Lehrer Roy Müller zu berichten. Den Tschechen falle es umgekehrt leichter, unsere Sprache zu lernen. Vor allem in gebildeteren Schichten gebe es viele, die über Deutschkenntnisse verfügten, so wie hierzulande Englisch gesprochen wird.

Die Schatten der Vergangenheit

In Tschechien leben indes nur noch wenige Angehörige der deutschen Minderheit. 2011 waren es knapp 19.000 Menschen, also nicht mal ein Prozent der Gesamtbevölkerung. Vor dem Zweiten Weltkrieg lag dieser Anteil noch bei rund einem Drittel. Über 90 Prozent der deutschen Bevölkerung mussten nach 1945 Tschechien verlassen. Deswegen hatten jene, die zurückblieben, nur noch wenige Leute, mit denen sie Deutsch sprechen konnten. Hinzu kam: Die deutschen Minderheitsangehörigen mussten viele Repressalien erdulden, so dass Eltern oft beschlossen, ihre Sprache nicht mehr an die Kinder weiterzugeben.

Doch ist das Bild heute ein anderes: Aus einstiger Aversion gegenüber dem Deutschen ergaben sich Chancen, die zunehmend ergriffen werden. Internationalität heißt das Zauberwort, das sich tschechische Schulen auf die Fahne geschrieben haben. Und manchmal tut es auch nur eine leicht aufgehübschte Optik. Das städtische Gymnasium in Teplice etwa hat sich rundherum mit Flaggen geschmückt, darunter der deutschen; und auch das nette Fräulein an der Rezeption kann sich fließend mit Besuchern von dort in deren Sprache unterhalten.

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Benedikt Vallendar
Über Benedikt Vallendar 12 Artikel
Dr. Benedikt Vallendar wurde 1969 im Rheinland geboren. Er studierte in Bonn, Madrid und an der FU Berlin, wo er 2004 im Fach Geschichte promovierte. Vallendar ist Berichterstatter der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) in Frankfurt am Main und unterrichtet an einem Wirtschaftsgymnasium in Sachsen.