„Man muss wohl einen Ort finden für all die widersprüchlichen Gefühle…“

Ob am Lagerfeuer, beim Betrachten einer Kerze oder vor dem Kamin: Ein jeder hat sie wohl schon erlebt, diese Faszination und Kraft. Das züngelnde Spiel der Flammen zieht uns magisch an. Ein Feuer verändert sich ständig, hat lebendige Energie, die wir unbewusst wahrnehmen. In seinem flackernden Schein entstehen Bilder, die sich in uns hineinprojizieren und unsere Fantasie beflügeln. Manch einer wird euphorisch, andere wiederum halten innere Zwiesprache. Es verschafft eine Atmosphäre des Besonderen und Feierlichen, erleuchtet die Dunkelheit und wärmt. Vielleicht verdrängt es gar unsere eigene Finsternis, entfacht den womöglich verloren geglaubten Rest Wärme, auch wenn dabei die Gefahr des unkontrollierten, zerstörerischen Abbrennens besteht…

„Eine Böe ließ das Feuer plötzlich auflohen. Die Hitzewolke schlug ihr gegen die Stirn und versengte die Wimpern. In ihr stieg Wut auf. Die Wut loderte hell und rot, biss ihr in die Nase wie der Rauch der Feuer, in denen jedes Jahr die Gartenabfälle verbrannten, nicht jedoch die Erinnerungen, so dass die Luft nicht gereinigt wurde, und es war, als würgte man beim Atmen ein Filzknäuel hoch wie die Tiere ihr Gewölle: Haare, Knochenstücke, alle unverdaulichen Reste. (…) der Familienfrieden lag wie Tünche auf allem, was darunter lauerte. Man müsste alles verbrennen, es in Flammen aufgehen lassen, bis das Knistern zum Knacken und das Knacken zum Tosen wurde, Flammen, so hoch wie Bäume, fast kein Rauch, dafür wäre das Geräusch des Feuers umso lauter.“

Lange hat Marianne einen großen Bogen um ihre Heimat gemacht. Als Geologin arbeitet und lebt sie mit ihrer heranwachsenden Tochter in Berlin. Ihre eigene Vergangenheit legte sie rigoros ab. Fragen nach ihrer Kindheit verleugnete sie stets, schlug eine schwere Decke darüber und ging immer schnell zu einem anderen Thema über. Etwas Dunkles, Bedrohliches schwelte in der Glut darunter. Nun ist ihr Vater gestorben und sie betritt die immer noch vertraute Mecklenburger Landschaft, das Elternhaus und bekannte Pfade. „Hier lag sowieso alles so da, wie es die Eiszeit zurückgelassen hatte. Selbst ihre Mutter sah aus wie etwas Übriggebliebenes.“ Doch in der scheinbar eiserstarrten Unveränderlichkeit schwelt noch Glut. Diese befeuert das Ungeheuer mit dem Namen „Gedächtnis“. Einer geologischen Verwerfung gleich, holt es das lange Zugedeckte, Verschlossene wieder an die Oberfläche. Erinnerungen bäumen sich mehr und mehr auf: vom bei den Nachbarn angesehenen Vater, der im Suff zum Sadisten mutiert und seine Kinder züchtigt; von der schweigenden Mutter, die ihren Blick abwendet; vom Mantel des Schweigens und der Scham, mit der alles zugedeckt wird. Jede Ritze des Elternhauses scheint diese Bilder herauszuschwitzen, „wie ein Muster, durch das sie, wenn sie es nur genau genug verfolgte, wieder an den Anfang gelangte und alles von vorn begann“.

„Man konnte weggehen und noch so selbständig sein, man konnte sich ein eigenes Leben aufbauen, aber kaum kehrte man zurück, holte es einen wieder ein. (…) Die Erinnerung kam ungefragt und durchfuhr sie wie ein Blitz. Die Welt geriet ins Rutschen. Der erste Schlag ist am schlimmsten, man muss sehen, dass man den übersteht, dann ist man übern Berg. Der Berg war eine ganze Weile größer als sie, also ging sie von ihm fort, damit er aus der Entfernung kleiner würde, aber es nützte nichts, der Berg hatte sich als Rucksack auf ihre Schultern gelegt und begleitete sie überallhin.“

Kerstin Preiwuß erzählt eine Familiengeschichte und wie deren Charaktere durch unterschiedlichste Verwerfungen zu denen wurden, was sie letztendlich auf unterschiedlichste Art und Weise ausleben. Gerüche, Stimmungen und Geräusche vermag die Autorin, die bis dato zwei Gedichtbände veröffentlichte, in einer wunderschönen, unglaublich bildhaften Sprache mit großer Intensität widerzugeben. Ihr Debüt entpuppt sich als leises, aber unglaublich eindringliches Buch, das trotz aller Destruktivität eine nahezu greifbare Schönheit atmet. Ein Text, der den Leser in einen unweigerlichen Sog zieht, dem er sich kaum entziehen kann. Obwohl unter ihrer Erzählung eine stete, schwer greifbare Gefahr lodert, erzählt Kerstin Preiwuß nicht schonungslos direkt und brutal. Sie verwebt das Bedrohliche zu einem diffusen Schleier, den sie über die Szenerie legt, so dass sich Schönes mit Schrecklichem, Glück mit Angst vermengt und fast aufzuheben scheint. Zurück bleibt nur ein unbestimmtes Kräuseln, wie wenn der Wind über den heimatlichen See streicht oder die Blätter in den Bäumen rauschen lässt.

Fazit: „Restwärme“ entpuppt sich als starker, bewegender und nachdrücklicher Text über Prägungen, Heimat, Liebe, Familie sowie die Macht der Erinnerungen und deren zuweilen zerstörerische Kraft. Doch unter allem liegt immer noch ein Hauch Restwärme…

Kerstin Preiwuß
Restwärme
Berlin Verlag (Juli 2014)
Seiten, Gebunden
ISBN-10:
ISBN-13:
Preis: EUR

Finanzen

Über Heike Geilen 597 Artikel
Heike Geilen, geboren 1963, studierte Bauingenieurswesen an der Technischen Universität Cottbus. Sie arbeitet als freie Autorin und Rezensentin für verschiedene Literaturportale. Von ihr ist eine Vielzahl von Rezensionen zu unterschiedlichsten Themen im Internet zu finden.

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.