Nur die Spitze des Eisbergs Ergebnisse der MHG-Studie zum sexuellen Missbrauch an Minderjährigen durch katholische Geistliche

Straßenschild, Foto_ Stefan Groß

Am 26. September 2018 ist bezüglich der Aufklärung von sexuellem Missbrauch in der katholischen Kirche etwas Neues und Besonderes geschehen: Die Ergebnisse der schon lange angekündigten Missbrauchs-Studie (MHG-Studie) wurden anlässlich der Herbst-Vollversammlung der Bischofskonferenz der Öffentlichkeit mitgeteilt. Der Münchner Kardinal Reinhard Marx informierte in seiner Funktion als Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz über Ausmaß, Ursachen und Folgen von sexuellem Missbrauch durch katholische Geistliche.

Die MHG-Studie

Die MHG-Studie wurde im Jahr 2014 von der Deutschen Bischofskonferenz in Auftrag gegeben. Der vollständige Titel des Forschungsprojektes lautet wie folgt:

„Sexueller Missbrauch an Minderjährigen durch katholische Priester, Diakone und männliche Ordensangehörige im Bereich der Deutschen Bischofskonferenz“.

Die Abkürzung „MHG“ geht auf die Anfangsbuchstaben der drei beteiligten Universitäten zurück: Mannheim, Heidelberg und Gießen. Der Verbundkoordinator und Projektleiter ist Professor Harald Raimund Dreßing, Leiter des Bereiches Forensische Psychiatrie am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim. Mitbeteiligt an der aufwändigen Studie sind sechs weitere renommierte Wissenschaftler und Experten zu diesem Thema: zwei Kriminologen (Professor Dieter Dölling und Professorin Britta Bannenberg), zwei Soziologen (Professor Hans-Joachim Salize und Professor Dieter Hermann) sowie zwei Psychologen (Professor Andreas Kruse und Professor Eric Schmitt).

Studiendesign

An dem Forschungsprojekt waren alle 27 Diözesen Deutschlands beteiligt. Der Analysezeitraum umfasst die Jahre zwischen 1946 und 2014. Datenquellen waren 38156 Personal- und Handakten der beteiligten 27 Diözesen. Im Wortlaut der Studie und im öffentlichen Vortragstext wurde nicht von Tätern und Opfern gesprochen, sondern von „Beschuldigten“ und „Betroffenen“.

3677 Betroffene

In den den Forschern zugänglichen Akten fanden sich Berichte über 3677 Betroffene, die angaben, Opfer von sexualisierter Gewalt durch katholische Geistliche zu sein. Die Betroffenen waren überwiegend männlich (62,8 Prozent), das durchschnittliche Alter war zwölf Jahre. Mehr als die Hälfte der Betroffenen war jünger als dreizehn Jahre alt, bei 22 Prozent war das Alter unbekannt und lediglich 25,8 Prozent waren älter als vierzehn Jahre, jedoch noch im jugendlichen Alter.

 

1670 Beschuldigte

Insgesamt wurden in den zur Verfügung stehenden Akten 1670 Beschuldigte erfasst. Sie wurden drei Subgruppen zugeordnet: Diözesanpriester, Diakone und Ordenspriester. Der Anteil der Beschuldigten war bei den Diözesanpriestern sehr deutlich am höchsten. 1429 Beschuldigte waren Diözesanpriester, das entspricht einem Anteil von 5,1 Prozent. Im Vergleich dazu war der Anteil bei den Diakonen wesentlich geringer, nur ein Fünftel so viele wie bei den Priestern. Lediglich 24 Beschuldigte waren Diakone, was einem Anteil von 1,0 Prozent entspricht. Bei den Priestern fanden sich 159 Beschuldigte, mit einem Prozentanteil von 2,1 Prozent. Nur in jedem dritten Fall haben die zuständigen Bistümer ein kirchenrechtliches Verfahren eingeleitet. Von diesen 566 Verfahren endeten 154 ohne Strafe. Nur in 122 Fällen schaltete die Diözese die weltliche Justiz ein, also nur in etwa 7 Prozent der Fälle!

Spätfolgen bei den Missbrauchsopfern

Die Forscher interessierten sich auch für die aufgezeichneten Spätfolgen bei den Missbrauchsopfern. Bei den gesundheitlichen Spätfolgen standen Ängste und Depressionen (jeweils 12 Prozent) am häufigsten im Vordergrund. Je nach Häufigkeit folgten dann Misstrauen, sexuelle Probleme, Kontaktschwierigkeiten, Albträume und Schlafstörungen. Bei den sozialen Spätfolgen waren Partnerschaftsprobleme (12,9 Prozent) und sexuelle Probleme (10,4 Prozent) am häufigsten.

Erste Resonanz auf die MHG-Studie

Die groß angelegte und aufwändige Studie sollte nach der Hoffnung der Bischöfe wohl wie ein Befreiungsschlag wirken. Diese Hoffnung hat sich nach den ersten Reaktionen nicht erfüllt. Zahlreiche Wissenschaftler und Journalisten kritisierten die methodischen Mängel der Studie. Die Hauptkritik war, dass die Akten keinesfalls vollständig waren – nur wenige Diözesen stellten die Akten des gesamten Untersuchungszeitraums zur Verfügung, die meisten nur jene ab dem Jahr 2000. Zudem seien viele Akten kurz vor der Untersuchung vernichtet worden. Insgesamt haben die Bischöfe und Diözesen versucht, die Kontrolle über das Forschungsprojekt zu behalten. So bekamen Forscher keinen Zugang zu den Originalakten. Vielmehr füllten Diözese-Angestellte Fragebögen aus, die ihnen von den Forschern vorgelegt wurden. Heftige Kritik kam von der Seite namhafter Vertreter der Bundesregierung. Johannes-Wilhelm Rörig, der Unabhängige Beauftragte der Bundesregierung für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs und von Beruf Jurist hält die Studie für einen guten Anfang, aber absolut ungenügend. Er forderte Ermittlungs- und Zugangsbefugnisse für staatliche Stellen, ein Recht auf Akteneinsicht für Betroffene und unabhängige Bearbeitung von außen, bei der die Forscher uneingeschränkt Zugang zu den Originalakten bekommen. Es bleibt also noch viel zu tun. Matthias Katsch, selbst Betroffener und Sprecher der Betroffenen- Initiative „Eckiger Tisch“ fasste seine Kritik mit dem Satz zusammen: „Das kommt dabei raus, wenn man das Trockenlegen eines Sumpfs den Fröschen überlässt.“ Professor Harald Raimund Dreßing, der wissenschaftliche Leiter des Forschungsprojektes blieb indessen sehr nachdenklich und mahnte: „Es geht hier um die Spitze eines Eisbergs, dessen tatsächliche Größe wir nicht kennen.“

 

 

Über Herbert Csef 24 Artikel
Prof. Dr. Herbert Csef, geb. 1951, Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Psychoanalytiker. Studium der Psychologie und Humanmedizin an der Universität Würzburg, 1987 Habilitation. Seit 1988 Professor für Psychosomatik an der Universität Würzburg und Leiter des Schwerpunktes Psychosomatische Medizin und Psychotherapie an der Medizinischen Klinik und Poliklinik II des Universitätsklinikums. Seit 2009 zusätzlich Leiter der Interdisziplinären Psychosomatischen Tagesklinik des Universitätsklinikums. Seit 2013 Vorstandsmitglied der Dr.-Gerhardt-Nissen-Stiftung und Vorsitzender im Kuratorium für den Forschungspreis „Psychotherapie in der Medizin“. Viele Texte zur Literatur.