Orientalisch, bayrisch, bissig Das Jüdische Museum ihrer Heimatstadt ehrt erstmals die famose Gabriella Rosenthal

Jerusalemer Straßenleben – trotz Stacheldraht: Gabriella Rosenthals Humor in der „Palestine Post“ vom 15.11.1946, Foto: Hans Gärtner

Mit 22 heiratete Gabriella Rosenthal (1913 bis 1975) einen nicht unbekannten Religionsphilosophen und Schriftsteller ihrer Heimatstadt München, Fritz Rosenthal, von dem sie sich 1943, da war sie 30, allerdings wieder trennte. Der „Ex“ nannte sich Schalom Ben-Chorin. Ein Jahr nach der Eheschließung bekam das Paar den Sohn, der später noch berühmter wurde als seine Mutter: Tovia Ben-Chorin.

Als erster liberaler Rabbiner Israels geht er in die deutsche Geschichte ein. Von 2009 bis 2015 stand er der Jüdischen Gemeinde Berlin vor. Vor einem Jahr besuchte der 83-Jährige mit seiner Frau Adina die Bundeshauptstadt. Er war aus seinem Wirkungsort St. Gallen angereist, um einen von ihm mitgetexteten Katalog zur Ausstellung von Zeichnungen seiner Mutter, erschienen im Verlag Hentrich & Hentrich, aus der Taufe zu heben.

Was diesen bei Kennern begehrten Katalog auszeichnet und weshalb sie ihn wohl in erster Linie erstehen, sind die Illustrationen. Diese sind – nach Berlin – nun in München zu sehen, und zwar bis zum 2. August, Dienstag bis Sonntag von So 10 bis 18 Uhr. Das Jüdische Museum am St. Jakobsplatz freut sich über viele interessierte Besucher. Heißt das Begleitbuch der Ausstellung „Es war einmal in Jerusalem. A very personal View: Zeichnungen, Drawings, Palestine/Israel 1938 – 1955“, wählte man den für hiesige Museums-Verhältnisse zugkräftigeren und auch einprägsameren Titel „Von der Isar nach Jerusalem“. Er macht deutlich: Gabriella Rosenthal, die famose Bildschöpferin, wechselte einst von München nach Jerusalem. Das war 1935.

Wer könnte das, was den Ausstellungsbesucher im 2. Obergeschoss  erwartet, besser kennzeichnen als der eloquente Sohn der Künstlerin? Er fand das Werk seiner Mutter, die er als liberal und modern bezeichnete, orientalisch, bayrisch und bissig. Sie malte, verriet Tovia dem Berliner Vernissage-Publikum, „auch am Schabbat – und geraucht hat sie da manchmal auch“. Protestierte der Kleine gegen das „schlimme“ Verhalten seiner Frau Mama, habe diese ihn zurechtgewiesen: Er möge seine religiösen – das heißt: streng zionistischen – Prinzipien doch, bitte, in seinem Kinderzimmer praktizieren, sie aber in ihrem Atelier damit in Ruhe lassen.

Sowohl das Orientalische – in seiner ganzen exotisch wirkenden Vielfalt und bunten Diversität – als auch das (für Gabriella allem Anschein nach unvergesslich gebliebene) Bayerische tritt in den gezeigten durchwegs kolorierten Originalzeichnungen zu Tage. In die Figuren, die sie mit leichter Feder zu Papier brachte, legte sie auch immer ein wenig „Bissigkeit“, Widerborstigkeit hinein.

Ob das die gewichtig in ihren schwarzen Talaren daher schreitenden Richter des Jerusalemer Obersten Gerichts sind, die sie – wie lange Jahre viele ihrer Zeichnungen – in der „Palestine Post“ publizierte oder ein überaus korpulenter Koch, den sie für ein Werbeplakat kreierte, der sich für den Konsum des anstelle von Spinat zu verwendenden wilden Malvengewächses  Hubesa einsetze – nie durfte eine leichte Prise Ironie fehlen.

In den 1950er Jahren gab Gabriella Rosenthal, inzwischen längst zu einer angesehenen Künstlerin geworden, drusischen und palästinensischen Kindern Zeichen- und Malunterricht. Erstmals in der Geschichte Israels wurde 1958 eine Ausstellung über Leben und Probleme galiläischer Minderheiten gezeigt. Gabriella war für die drusische Abteilung in Akko, dem Ausstellungs-Ort, zuständig. Ihr „Kleines Jerusalemer Kaleidoskop“ von 1939, entstanden zum 50. Geburtstag ihres Vaters Erwin Rosenthal, illustrierte Gabriella wie die meisten anderen Serien und Einzelbilder, Kindertexte oder arabische Märchen in witziger und hintergründiger Weise. Sie fingen auf famose, lockere, unterhaltsame Weise, ohne vordergründig politisch gewesen zu sein, das gewöhnliche Leben in Jerusalem – einst und jetzt – ein. Der palästinensische Alltag war das Metier der Zeichnerin Gabriella Rosenthal – und gab ihr  Inspiration.                                                                                  

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Hans Gärtner
Über Hans Gärtner 346 Artikel
Prof. Dr. Hans Gärtner, Heimat I: Böhmen (Reichenberg, 1939), Heimat II: Brandenburg (nach Vertreibung, `45 – `48), Heimat III: Südostbayern (nach Flucht, seit `48), Abi in Freising, Studium I (Lehrer, 5 J. Schuldienst), Wiss. Ass. (PH München), Studium II (Päd., Psych., Theo., German., LMU, Dr. phil. `70), PH-Dozent, Univ.-Prof. (seit `80) für Grundschul-Päd., Lehrstuhl Kath. Univ. Eichstätt (bis `97). Publikationen: Schul- u. Fachbücher (Leseerziehung), Kulturgeschichtliche Monographien, Essays, Kindertexte, Feuilletons.