Sterben lernen – Leben im Lockdown

Ich bin nicht tot, ich rieche nur komisch – Gedanken in der Pandemie 99

Bild von Henrikas Mackevicius auf Pixabay

Ich bin nicht tot, ich rieche nur komisch: Leben im Lockdown: Apokalyptiker & Integrierte – Gedanken in der Pandemie 99. Von Rüdiger Suchsland 

„Berauben wir den Tod seiner Unheimlichkeit, pflegen wir Umgang mit ihm, gewöhnen wir uns an ihn, bedenken wir nichts so oft wie ihn!
Philosophieren heißt sterben lernen.“
  – Montaigne  

„Das Schöne an der Intensivstation ist das Spannungsfeld zwischen Leben, Sterben und Tod.“  – Hubert Messner 

Wir müssen sterben lernen. Gerade wenn der Tod der Feind ist, den wir bekämpfen und nie akzeptieren wollen, müssen wir den Umgang mit ihm üben. Wir müssen ihn kennen wie jeden Gegner.  

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Einen Fehler möchte ich gern aber gleich zu Beginn korrigieren: Regen liegt am Rand des Bayrischen Waldes, nicht nahe dem Allgäu. An den hohen Infektionszahlen ändert das freilich nichts, auch wenn Regen inzwischen im Corona-Ticker des BR nicht mehr deutschlandweiter Spitzenreiter ist. Zwar ist der Inzidenzwert auch dort weiter gestiegen: Aber 617,5 reicht nur für Platz 2. Auf dem ersten Rang liegt jetzt der Landkreis Bautzen in Sachsen mit 631,2. Auf dem dritten Platz der Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge mit 600,2.  

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Forscher haben festgestellt, dass in Landkreisen mit hoher AfD-Wählerschaft auch die Infektionszahlen am höchsten sind.  

Der „Tagesspiegel“ rechnet nach und differenziert, kann aber am grundsätzlichen Ergebnis auch nichts ändern.  

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Für alle, die das mit dem Impfen wirklich interessiert: Das Buch „Ethics of Vaccination“ des italienischen Philosophen Alberto Giubilini ist beim Verlag kostenlos als Open Access zum Download erhältlich. Aber Vorsicht: Der Autor hat eine klare, gut begündete Position gegen halbinformierte Bedenkenträgerei Einzelner und persönliche Empfindlichkeiten. Sich impfen zu lassen sei ein „Akt der Solidarität“ und die Erfüllung einer grundlegenden moralischen Verpflichtung. Wenn Individuen dieser moralischen Verpflichtung nicht nachkommen, haben Institutionen die politische Verpflichtung und das moralische Recht, Zwangsmaßnahmen durchzusetzen, um bestimmte öffentliche Gesundheitsziele zu erreichen. 

Der Tagesspiegel versucht die Debatte mit einem Pro/Contra auszugleichen . Für Pro steht der zur Zeit unvermeidliche und entsprechend nervtötende Corona-Philosoph Markus Gabriel. Er fordert mehr Rechte für Corona-Geimpfte, denn (1) „Die Gesellschaft teilt Menschen laufend in Kategorien ein – wieso also nicht auch infolge einer Corona-Impfung?“; (2) „Wenn Geimpfte das Virus nicht weiterverbreiten können, ist ein Corona-Impfausweis nicht nur vertretbar, sondern sogar geboten.“ Für Contra der Verfassungsrechtler Volker Boehme-Neßler, der vor allem auf den Vertrauensverlust abhebt. obwohl aus meiner Sicht sein viel stärkeres Argument der Gleichheitsgrundsatz und die Unversehrheit der Menschenrechte ist.  

Beide Positionen werden jedenfalls auf hohem Niveau entfaltet 

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Die E-Mail eines Lesers, der mir schon öfters geschrieben hat und der sich gerade mal wieder für längere Zeit in Mali aufhält, gibt mir zu denken. Er schreibt darin, so wie ich ihn verstanden habe, dass wir und ich auch in diesem Blog allzusehr eine Nabelschau praktizieren, dass wir uns auf unsere Corona-Zahlen konzentrieren, die je nachdem hoch oder runter zu Schreckensszenarien oder Entlastungshoffnungen rechnen, aber überhaupt keinen Sinn dafür haben, was gerade in Afrika passiert. Der Leser hat recht.  

So schlimm Corona für uns sein mag, für Afrika ist es schlimmer. Und Corona ist nicht die schlimmste Bedrohung für diesen Kontinent, sondern auch hier ein Krisenverschärfer.  

Die WHO warnt jetzt davor, dass die Zahl der Malaria-Toten wieder steigen könnte. Denn der Kampf gegen die Tropenkrankheit stockt vor allem wegen der Corona-Pandemie. Auch mangelt es an Geld. „Covid-19 droht unsere Bemühungen zu behindern, Malaria zu besiegen“, sagte die WHO-Regionaldirektorin für Afrika, Matshidiso Moeti, in Genf bei der Veröffentlichung des WHO-Malariaberichts.  

Die jährlichen Todesfälle durch Malaria liegen im Durchschnitt bei über 400.000 Menschen, und damit weit über den Corona-Toten. An Malaria sterben vor allem Kinder.  

Über den Einbruch der Patientenzahlen berichtet der „Spiegel“ .  

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Ich kann das verantwortungsvolle Grinsen im Gesicht von Markus Söder nicht mehr sehen. Ein einziger Blick auf die Zahlen genügt um zu sehen: Obwohl es in Nordrhein-Westfalen insgesamt (nicht statistisch gesehen, sondern quantitativ aufgrund der höheren Bevölkerungszahl) mehr Corona-Fälle gibt als im Freistaat Bayern gibt es dort weniger Tote. Bayern hat mit Abstand die höchsten Todeszahlen. Und dies muss Söder erklären. Er kann dies nicht, schon gar nicht neun Monate später, mit irgendwelchen Après-Ski-Partys in Südtirol erklären. Man würde sich hier die Demut wünschen, die er von anderen immer einfordert. Oder noch besser: Einfach mal die Klappe halten. 

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Jetzt wird der Präsenzunterricht an den Schulen ausgesetzt, und dafür sogenannte „Notfallbetreuung“ angeboten. Was soll das denn eigentlich bedeuten? Wenn Kinder – was ja von vielen bezweifelt wird – tatsächlich Pandemie-Treiber und -Verbreiter sind, dann sind sie das auch, wenn sie unter anderem Namen zusammensetzen. Sie müssen auch wieder öffentliche Verkehrsmittel benutzen, um in der Schule bei der Notfallbetreuung aufzukreuzen, sie treffen auch dort auf andere Kinder. Es werden auch dort Lehrer oder Erzieher sein und die Kinder zu beaufsichtigen. Worin besteht der einzige Unterschied? Sie haben keinen Unterricht.  

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Seit Ausbruch der Corona-Pandemie sind 1 Million 360.000 von 83 Millionen Deutscher überhaupt als Fälle gezählt. also „infiziert“, „erkrankt“ oder „tot“ – das sind aufgerundet 1,64 Prozent der Bevölkerung. Davon genesen sind aufgerundet 1,22 Prozent. Gestorben sind bisher 23.500, das sind ebenfalls aufgerundet 0,03 Prozent – ich glaube angesichts dieser Zahlen ist es nicht nur falsch, sondern die Formulierung der Panikmache, wenn Lothar Wieler (RKI) davon spricht, das Virus sei in der Bevölkerung weit verbreitet. 

Da muss man Angst bekommen, und den Eindruck haben, man sei quasi mit jedem Schritt draußen auf der Straße gefährdet und jeder Mensch sei ansteckungsgefährlich. Tatsächlich ist sind 97 von 100 Menschen potenziell komplett ungefährlich, tatsächlich ist die Zahl sogar noch höher, da Kranke oder Tote in der Regel nicht draußen herumlaufen. 

Wenn man manchen Zeitungsartikeln glaubt, dann ist Luxemburg das neue Schweden. Von überaus nachlässigem Corona-Verhalten berichtete die „FAZ“ bereits vor einem Monat. 

So einfach ist es aber mal wieder nicht. Tatsächlich haben sich in Luxemburg unglaublich viel mehr Bürger gemessen an der Bevölkerungszahl mit Covid-19 infiziert: Bislang bereits 6,5% der Bevölkerung. Die allermeisten von ihnen sind genesen. Insgesamt verzeichnet Luxemburg bisher nur 410 Todesfälle. Die sind zwar prozentual an der Bevölkerung gemessen mehr als in Deutschland. Gemessen an den Infizierten und Kranken sind es aber viel viel weniger. Nämlich 0,98 gegenüber 1,73 Prozent.  

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Von jenen die sich mit der Statistik der Sterblichkeit in Deutschland befassen, wird gern der Grippe-Winter 2018 bemüht. Die Übersterblichkeit, also die zusätzlich zum Durchschnitt Gestorbenen lag damals bei etwa 28.000 Menschen, und damit immer noch über der Sterblichkeit an Corona während des ganzen Jahres (während in dem Fall der Grippewelle nur der Winter zählt). Vergessen wird dabei, dass dies keineswegs die schwersten Grippe-Winter und Epidemie-Winter war, die Deutschland nach dem Krieg heimgesucht haben. Im Winter 1995/96 starben 35.000 Menschen zusätzlich. 

In früheren Jahren mehr.  

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Die Corona-Pandemie habe „Fünf positive Effekte, die Hoffnung machen“ behauptet Anna-Elisa Jakob. Sie nennt unter anderem: „Durchbruch des Homeoffice, ein Digitalisierungsschub – und weniger Verkehrstote.“ 

Das macht mir eher wenig Hoffnung. Der Durchbruch für das Homeoffice bedeutet, dass viele Arbeitnehmer vereinsamen, während zuhause die Spannung steigt. Vor allem Frauen leiden darunter, so zeigen Untersuchungen. An ihnen bleibt die Doppelbelastung letztendlich hängen, sie rutschen zurück in überholt geglaubte Rollenmuster. Beiden Geschlechtern fällt es nach Untersuchung der DAK schwerer, Beruf und Privatleben zuhause klar zu trennen. Durch den Wegfall des Arbeitsweges wird zwar Zeit gespart, er kommt aber der Arbeit zugute, nicht dem Privatleben. 

So ist es auch mit der neuen Akzeptanz des Digitalen. Gerade im Bereich der Bildung verschärft die digitale Lehre Ungleichheiten, und verringert den Lernerfolg. Gegen den Rückgang der Verkehrstoten hat natürlich niemand etwas, dies ist aber nur ein momentaner Effekt. Er hat was damit zu tun, dass die Menschen weniger auf den Straßen sind. 

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Lohenswert und in ihrer fröhlichen Absurdität entspannend im Lockdown-Leid ist die ARD-Doku „Der Fall Wirecard – Von Sehern, Blendern und Verblendeten“, der noch in der Mediathek vorgehalten wird. Der Film zeigt viele Facetten des wohl größten Wirtschaftsskandals der deutschen Nachkriegsgeschichte: Tausende Anleger verloren beim Wirecard-Crash ihr Geld, obwohl sogenannte Shortseller schon seit Jahren von Betrug ausgingen – und damit ziemlich viel Geld verdienten. 

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Mehr als eine Generation Deutscher ist von Lebensberatern, Diätpäpsten, Yoga-Trainerinnen, Trimm-Dich-Trillerpfeifern, Fitness-Propheten und gelegentlich auch Ärzten darauf konditioniert worden, der Vergänglichkeit durch gesunde Ernährung, viel Bewegung, und ein grundsätzlich schlechtes Gewissen, begleitet von medizinischer Rundumbetreuung ein Schnippchen zu schlagen.  

Vergeblich natürlich.  

Doch der Gedanke, Macht über den eigenen Körper zu haben, ist verführerisch. Krankheit ist da kein Schicksal mehr, sondern ein persönliche Verfehlung: Tante Marlene hat zu viel geraucht, Onkel Karl war zu fett, kein Wunder, dass sie sterben mussten. Und der Tod der Anderen wird der Beweis, dass man selbst irgendetwas richtig gemacht hat.  

Corona bringt solche Ideen ins Wanken: Schnöde Schicksalsschläge, alle unverdient. Und die Erzählungen: Christian, der ist doch erst 60! Jan keine 50. Der Tod kommt unerwartet und unverschuldet. Er ist plötzlich nicht mehr das „diskrete, aber würdige Ende eines befriedigten Lebens“, wie ihn der Historiker Philippe Ariès in seiner „Geschichte des Todes“ beschrieb. 

Verdrängen können wir ihn aber auch nicht. Vielleicht sollten wir deswegen wieder lernen, ihn einfah anzunehmen. Montaigne kann dabei helfen.  

Ich fand in der Hinsicht auch Hubert Messner, den jüngeren Bruder von Reinhold Messner interessant, wie er bei Markus Lanz von dem Verhältnis zu Tod und Sterben erzählt hat, dass er als Arzt entwickelt hat. Er sagt solche Sätze wie: „Das Schöne an der Intensivstation ist das Spannungsfeld zwischen Leben, Sterben und Tod.“ 

In der Mediathek läuft das ganze Gespräch über das Sterben als selbstverständlichen Teil des Lebens. 

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Auf unter 50 sollen die Inzidenzzahlen heruntergebracht werden. „Am besten unter 30. Oder noch besser unter 10“ (Melanie Brinkmann).  

Warum? „Damit man die Kontakte wieder nachverfolgen kann.“ Ach so, ja super alles klar, das hat im Sommer schon ganz prima funktioniert.  

Kontaktverfolgung ist längst zum Fetisch geworden. Die Idee, dass Kontakt-Verfolgung alle Probleme lösen könnte, hat alle anderen Ansätze blockiert.  

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Professor Karl Lauterbach hat der „Welt“ ein Interview gegeben. Große Überraschung: Er hält den harten Lockdown nicht für ausreichend. Auch ansonsten flutscht der Lauterbach-Rap: „Es besteht ein Restrisiko“; „(…) die nächsten drei Monate werden die mit Abstand härtesten Monate im gesamten Verlauf der Pandemie“; „wir werden  (…) weiter sehr vorsichtig sein müssen“; „die Pandemie käme sofort zurück, wenn wir nach dem 10. Januar stark lockern würden“. Und die Wohlstandsbürger quieken dazu ergötzt – wie nach dem Besuch bei der Domina. 

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Auch Christian Drosten, der medienscheue Virologe, hat sich in den letzten vier Wochen ausgiebig in den Medien zu Wort gemeldet – auch jenseits seines regelmäßigen NDR-Podcasts. So zum Beispiel gleich zweimal lang und grundsätzlich im Deutschlandfunk. In den Zwischentönen ging es da am Nikolaustag mehr um Persönliches, wie seinen ziemlich guten Musikgeschmack von Purcell bis Blumfeld. Zwei Wochen vorher stellte er sich auf der DLF-Tagung „Formate des Politischen“ den Fragen, die vor allem um das Verhältnis der Wissenschaft zu den Medien kreisten.  

Erkennbar hadert der Virologe gelegentlich mit den Medien und scheint deren Aufgaben nicht ganz zu verstehen. Der Drang zuzuspitzen und durch Vereinfachung zu vermitteln, vertrage sich manchmal sehr wenig mit der sehr komplexen Welt der Virologie und anderer Wissenschaften, glaubt Drosten.  

Da hat er zwar ein bisschen recht, aber er könnte schon etwas wohlwollender registrieren, dass dieser „Drang“ vor allem ihm und seiner Profession nutzt, auch der Notwendigkeit, dass Bürger verstehen, was passiert, und warum bestimmte Maßnahmen nötig sind.  

Wenn Drosten dann sagt, der Streit der Virologen sei vorgeblich, und „Was Alexander Kekule sagt, ist fast immer richtig. Und er sagt das Gleiche wie ich. Aber das ist nicht der Eindruck der Leute, die nur Überschriften lesen.“, dann will er nicht wahrhaben, dass Kekule das womöglich anders sieht, und dass dieses öffentliche Benoten von Kollegen denen womöglich nicht so gefällt.  

„Fast immer richtig“ – für die Pandemie-Bekämpfung ist womöglich entscheidend ist, wo Kekule mal ausnahmsweise nicht recht hat. Oder wo Drosten irrt, falls das auch möglich ist.  

Das blöde Volk hat nunmal Nachfragen, bei denen die Polarisierung Drosten-Kekule-Streeck sehr hilft.  

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So ganz überkomplex ist Drosten aber auch nicht immer. Heute zum Beispiel hat er (c_drosten) per Twitter ziemlich rumgeholzt. Ich zitiere: „für diejenigen, die jetzt behaupten, nicht gehört worden zu sein. Ihr hattet die lauteste Presse, ihr habt stetig gestichelt, wenig gelesen, gute Vorschläge zerredet. Ihr bringt bis heute keine Inhalte und jammert über mangelnde Resonanz. #Langzeitstrategie-tragt endlich was bei!“ 

Wie viel Ressentiment in diese wenigen Zeilen passt: Ressentiment gegen Medien und offene Debatte. Dabei liefert die Antwort eigentlich schon diejenige, auf die Drosten hier „antwortet“, nämlich eine Virologin vom Genfer Zentrum für neurologische Krankheiten. Isabella Eckerle schreibt: „Die Zeit für die Entwicklung der Langzeitstrategie zur Vermeidung von neuen Lockdowns wäre im Sommer gewesen.“ Da hat sie natürlich recht.  

Allerdings haben die beiden Virologen da aber falsch verstanden, was mit einer „Langzeitstrategie“ gemeint ist. Es geht nicht um Schein-Diskussionen wie die, ob Kinder „Treiber der Pandemie“ sind – eine Floskel, die gebetsmühlenartig wiederholt wird, ohne dass man sie dadurch wahr am machen kann, die aber Kindern und ihren Eltern Schuldgefühle einpflanzt.  

Eine Langzeitstrategie bedeutet eine Abwägung verschiedener Güter. Der Virologie gegen Ökonomie. Soziales Leben gegen Pandemie. Tote durch Corona gegen Tote durch andere Krankheiten gegen Tote durch Lockdown.  

Es gibt hier nicht den richtige Lösung. Sondern es gibt eine Entscheidung zwischen verschiedenen Alternativen. Und wenn beide Alternativen unangenehme Folgen haben, dann ist es immer eine bittere Entscheidung. 

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Dass man mit dem Virus nicht verhandeln könne, dass er bestimmte Lösungen vorgebe, ist falsch – auch wenn wir alle wissen, was gemeint ist. Es gibt immer Alternativen. 

Was Politiker mit den Virologen verbindet, ist die Tatsache, dass sie die Entscheidung scheuen. Virologen sagen dann gerne, das sei ja nicht ihre Aufgabe. Sie seien ja nur Wissenschaftler, sie würden ja nur Studien lesen, würden ja nur sagen, was die Fakten sind. Schön wär’s.  

Nur weiß schon jedes Kind, dass Fakten immer auch bis zu einem bestimmten Grad Betrachtungsfragen sind und eine Frage der Priorisierung, um welche Fakten es geht. Spätestens wenn man studiert und hoffentlich auch als Virologe im Virologiestudium lernt man, dass wissenschaftliche „Fakten“ immer nur so lange gelten bis sie widerlegt werden. Das ist das Einmaleins der Wissenschaftstheorie, das man nicht wiederum mit Fakten widerlegen kann – sondern es ist die Voraussetzung überhaupt Fakten zu betrachten. Die Art wie Virologen ihre Fakten wahrnehmen und die Tatsache, dass Virologen berufsbedingt nur bestimmte Fakten sehen, dass diese Fakten schon ganz andere sind, als die Fakten, die Epidemiologen sehen oder die Fakten die Krankenhausmediziner sehen, und so weiter – diese Art, wie sie Fakten anordnen hat selbstverständlich allerlei Implikationen. Sie gibt Entscheidungen vor.  

Das genau ist es, was Christian Drosten wie kein zweiter tut. Das ausgerechnet Christian Drosten anderen die widersprechen, vorhält, diese hätten die Medien „gehabt“ – ausgerechnet derjenige Virologe, der seit März seinen lange täglichen Podcast hatte, und immer noch einen wöchentlichen, und dessen Podcast-Ergüsse immer sofort nicht nur in sozialen Netzwerken, sondern auch per Agenturen verbreitet werden – das ist schon ganz schön frech. 

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Und auf alles, was sie nicht erklären können, oder was ihren eigenen Prognosen widerspricht, da antworten die Virologen mit der Floskel des „Präventionsparadox“. Das ist aber nur paradox für jene, die vorher anderer Meinung waren, als die Fakten ergeben.  

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Eine Diskussion über verschiedene Standpunkt ist absolut wichtig und notwendig.  

Wen Drosten meint, das wird beim Blick in die Presse offensichtlich: Hendrik Streeck hat dem „Münchner Merkur“ ein Interview gegeben. Dort kritisiert er, wie schon vor Wochen den Lockdown-Light: „Die Entwicklung zeigt (…), dass man durch die Schließung von Restaurants und Gaststätten allenfalls erreicht hat, den Anstieg der Neuinfektionen zu verlangsamen. Es ist aber dadurch nicht gelungen, das Infektionsgeschehen aufzuhalten.“ Und er tadelt die jetzige Politik: „Es ist wahrscheinlich ebenso sicher, sich mit Masken draußen zu treffen – beispielsweise auf einem Weihnachtsmarkt mit Hygienekonzept – als drinnen in Privatwohnungen ohne Masken und ohne ein Hygienekonzept. Wir haben es einfach versäumt zu untersuchen, wie hoch die Wahrscheinlichkeit einer Übertragung ist, wenn Hygienekonzepte eingehalten werden. Dazu liegen nicht genügend Daten vor.“ 

Da aktuell mehr als die Hälfte aller Covid-19-Toten aus Altersheimen kommen, reiche hier der Schutz nicht aus. „Die Zahlen des Robert-Koch-Instituts zeigen, dass wir das Infektionsgeschehen zwar bei den Jüngeren bremsen, nicht aber bei den Alten.“  

So müssten Pflegekräfte und Besucher häufiger Coronatests machen und konsequent FFP2-Schutzmasken tragen. 

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„Wir brauchen das Personal und natürlich auch die entsprechenden Tests, die man dann dort einsetzen kann“, sagt der Hamburger Virologe Jonas Schmidt-Chanasit, widerspricht Drosten indirekt, und fordert, es müsse sofort mit einer langfristigen Strategie gegen die Corona-Pandemie begonnen werden. „Ein Lockdown ist natürlich keine nachhaltige Strategie – insofern stellt sich die Frage, wie wir dann die Kinder wieder sicher in die Schulen zurückkehren lassen können.“ 

„Das Krisenmanagement der vergangenen Wochen hat sehr viel Verunsicherung verursacht“, sagt auch Grünen-Fraktionschef Anton Hofreiter. „Statt immer nur wochenweise zu agieren, braucht es planbares Handeln und eine längerfristige Perspektive.“ „Die Menschen haben einen Anspruch darauf, zu wissen, wie das Leben mit dem Corona-Virus aussieht und unter welchen Voraussetzungen auch wieder mehr gesellschaftliches Leben sicher möglich ist.“  

Die Grünen hatten schon vor einer Woche einen bundesweiten Fünf-Stufen-Plan für eine längerfristige Perspektive vorgeschlagen. Der Plan sieht frühere Eingriffsstufen vor und verlangt konsequente Maßnahmen, etwa flächendeckende Schnelltests für Menschen in einem Gebiet mit einer Sieben-Tages-Inzidenz von über 50. Gleichzeitig macht der Stufenplan durch seine stärkere Differenzierung Kultur, Gastronomie und Handel möglich, solange das lokale Infektionsgeschehen niedrig ist. 

Konkret schlagen die Grünen fünf Risikostufen vor: Dort, wo aufgrund hoher Infektionszahlen Schließungen unumgänglich seien, müssten gleichzeitig Hilfen bereitgestellt werden. Wenn Schulen oder Kitas geschlossen werden, müsse eine Betreuungsgarantie greifen. „Außerdem darf kein Mensch im Pflegeheim, im Krankenhaus oder zu Hause völlig ohne Besuch und Kontakt auskommen müssen“, heißt es dort.  

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Drostens NDR-Podcast lohnt sich diesmal aber wieder wirklich. In einer Art Weihnachtsausgabe wagt Drostradamus einen Ausblick auf 2021.  

Wenn er recht hat, dann sollte man sich nicht zu viele Hoffnungen machen.

Erschienen auf out-takes

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