„Und die lange, die lange Ewigkeit …!“ Vor 30 Jahren entstand die bairischste aller Opern: „Der Goggolori“

Eine kurze Ewigkeit scheint`s her zu sein, dass der 1929 in Garmisch-Partenkirchen geborene Dichter Michael Ende das Zeitliche segnete. Der Autor so hochgerühmter Kinderbücher wie „Momo“ und „Die unendliche Geschichte“ lebt schon seit 18 Jahren nicht mehr. Doch leben seine Figuren, Lukas mit dem Lokomotivführer, die grauen Herren Zeitsparer, das Traumfresserchen, Tranquilla Trampeltreu – und der Goggolori. Ihn, der rund um das Ammersee-Dorf Finning als Waldschrat sein Unwesen getrieben haben soll, als der Schwed` das Bayernland im Dreißigjährigen Krieg heimsuchte, packte Michael Ende am Schlafittchen und machte ihn zum Helden seiner „bairischen Mär“, einem „Stück in acht Bildern und einem Epilog“. Vor 30 Jahren begann Ende mit der Niederschrift, 1984 erschien der Text – in Hochdeutsch und höchst eigenwilligem Bairisch – bei der Stuttgarter Edition Weitprecht.
Der heute 72jährige Wilfried Hiller aus dem schwäbischen Weißenhorn, der schon als Jugendlicher Texte fürs eigene Handpuppentheaterverfasste, war Student beim berühmten Komponisten Günter Bialas. Mit 28 Jahren wurde er, auf diversen Instrumenten versiert, Meisterschüler von Carl Orff. Baldkonnte er die 1982/83 entstandene Musik zu Michael Endes „Goggolori“ in sein bis dahin schon recht ansehnliches Werk einreihen. So gibt es seit etwa drei Jahrzehnten so etwas wie eine „bairische Oper“, ein Novum eigentlich bis in diese Tage. Uraufgeführt wurde „Der Goggolori“ mit Wilfried Hillers dem Volkstümlichen ebenso naher wie Orff`sche Tonsprache und Dramatik vereinende Musik am 3. Februar 1985 am Münchner Gärtnerplatztheater, 7 Jahre nach der Erstbegegnung der beiden sich kongenial ergänzenden Kreativen in Rom, wo Michael Ende damals lebte. Wilfried Hiller ist aus dem aktuellen Münchner Musikleben nicht wegzudenken.

Michael Endes Libretto geht auf bayrische Volkssagen zurück. Otto Reuther hatte sie wissenschaftlich aufgegriffen und 1935 darüber ein Buch veröffentlicht, das Michael Ende zu seiner dramatisierten Version anregte. Als originaleEigenschöpfung war sie lange Zeit umstritten. Nach gerichtlichen Querelen mit den Erben Otto Reuthers fand sie 1990 vom Bundesgerichtshof Anerkennung. Heute denkt kaum jemand mehr an jene problemgeladene Zeit, die Ende in nicht geringem Maße zusetzte. Zumindest Insider wussten, wie sensibel der Sohn des bedeutenden Surrealisten Edgar Ende (1901 – 1965) war, der als Schauspieler, ausgebildet an der Münchner Otto-Falckenberg-Schule, anfing, sich dann aber dem Erfinden von Gedichten, Coupléts, dem Verfassen von Filmkritiken und Komödien zuwandte, bis er sich als Akteur ganz aus dem Theater zurückzog und nur mehr schrieb. Als Autor erreichte Michael Ende Auflagen in Bestsellerhöhen.
Die Figur des Goggolori geisterte bereits durch Carl Orffs bairische Komödie „Astutuli“: „Da springt er der Hortula hintn aufs Gnack, treibt Schnack und treibt Schabernack“. Alfred Kubin illustrierte diese Textzeile für eine Deutsche Taschenbuchausgabe 1980. Fünfzig Jahre zuvor fand man bei Grabungen in Kärnten ein keltisches Heiligtum mit Inschriften über einen „Genius cuculatus“, einen Kapuzengott, der wohl das Modell für das oft in Kindertexten erscheinende Sandmännchen abgab. Dass Wichtel, Zwerge und Kobolde die letzten Lebensformen der vom Christentum entthronten heidnischen höheren Wesen sind, ist dem Volkskundler geläufig. Ein Erhabener war degradiert worden zu einem Untertan. Der war über die ihm durch Geringschätzung zugefallene Bedeutungsminderungerbost und versuchte nun, sich dafür zu rächen. Er geriet in Feindschaft mit den ihn als Machtinhaber anrufenden Menschen, die er nasführte, belog, bedrohte, in existentielle Ängste trieb.

Der Goggolori ist, wie alle seine Vettern aus der Welt der Schrate, Kobolde, Zwerge, unerlöst. Seine Erlösungsbedürftigkeit durchzieht die Geschichte, die Ende/Hiller auf die derb und deftig bairisch eingefärbte Musiktheaterbühne brachten. So wurden sie mit Richard Wagners Mythenwelt verwandt, dessen zentrale Dramenfiguren der Erlösung harren – vom auf den Weltmeeren umherirrenden „Fliegenden Holländer“ bis zum „Parsifal“-Amfortas, dessen von Klingsor geschlagene Wunde sich nicht schließen mag. Der Zuschauer ist in der Frage der Sympathie mit Wagners Erlösungs-Typen zwiegespalten; kostet doch eine Erlösung jedes Mal einen hohen Preis, meistens den des Opfers des eigenen Lebens. In der Volks-Oper „Der Goggolori“ erlöst das Bauernmädel Zeipoth, dem der Schrat Goggolori versprochen war, diesen dadurch, dass sie ihm ihren Tod schenkt. „Kann jez ned mid dia ge und nia. Zschbaat kummst, mey liaba Bua. Mex Lem – am Goggolori gheats und aa mey Dod dazua“, singt die unschuldige Zeipoth, als sie ihrem Liebsten, dem Musikanten und armen Köhler Aberwin, sanft den Laufpass gibt. Das ist eine anrührende Szene, von Wilfried Hiller wunderbar zart musikalisch untermalt. Den Zuschauer, der ein Ohr für psychologische Zwischentöne hat, überkommt ein leiser Schauer.

Hatte man das Glück, den „Goggolori“ auf der von aller Zivilisation weit entfernten Waldbühne des oberbayerischen Theaterdorfes Halsbach im Landkreis Altötting zu erleben (wie das im Rahmen des „Musiksommers zwischen Inn und Salzach“ 2013 bei drei abendfüllenden Aufführungen möglich war), wird man als einzig adäquaten Spielort dieses Stückes den Naturschauplatz erkennen und dabei die Theaterbühne als artefaktischen Ersatz abtun müssen. Ein Regisseur wie der 1957 in Halsbach geborene Gründer der hiesigen Waldbühne, der Theaterdichter, Schauspieler und Intendant Martin Winklbauer, ist begabt und begnadet, eine märchenhaft-mythische Atmosphäre zu schaffen, die keinem anderen Stück so perfekt zugutekommt wie dem „Goggolori“. Unter einer schützenden Plane sitzt man auf Holzbänken, vor sich die Waldkulisse mit Blockhütte, Fichten, Baumstümpfen und Gesträuch, aus dem es schon gleich zu Beginn der Oper dampft und zischt, wenn die Ullerin, Hexe und Gesundbeterin, Baderin und Kräuterweib, nach dem Goggolori ruft, dem sie – im Auftrag der reichen Bauers- und Webersleut – auf den Fersen ist, um ihn abzukrageln. Theatereffekte auch hier, auf der Waldbühne, wo sich der kleine Malefizkerl, der vielgestaltig auf- und, bald aus einem Baum, bald aus einem Graben oder einer Höhle, heraustritt und die Leut` schreckt, nicht ohne weiteres fangen lässt.

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Hans Gärtner
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Prof. Dr. Hans Gärtner, Heimat I: Böhmen (Reichenberg, 1939), Heimat II: Brandenburg (nach Vertreibung, `45 – `48), Heimat III: Südostbayern (nach Flucht, seit `48), Abi in Freising, Studium I (Lehrer, 5 J. Schuldienst), Wiss. Ass. (PH München), Studium II (Päd., Psych., Theo., German., LMU, Dr. phil. `70), PH-Dozent, Univ.-Prof. (seit `80) für Grundschul-Päd., Lehrstuhl Kath. Univ. Eichstätt (bis `97). Publikationen: Schul- u. Fachbücher (Leseerziehung), Kulturgeschichtliche Monographien, Essays, Kindertexte, Feuilletons.

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