Binette Schroeder: Den Kindern Traumwelten gemalt

Die „große“ Liebe. Währt sie lange, ist sie ein Geschenk. Währt sie nur kurz, kann sie Rotz und Wasser heulen lassen. Aus Verzweiflung über eine gescheiterte „große“ Liebe malte vor 50 Jahren die aus Hamburg stammende, in Basel an der Schule für Design ausgebildete Binette Schroeder ihre zauberische kleine Gartenmaid, die sie Lupinchen taufte. Nicht etwa Binettchen. Wär doch allzu simpel gewesen. Genau das lag der 30-Jährigen nicht, sich selbst ins Spiel zu bringen, wie es für die heute Achtzigjährige kein Thema ihrer Bilderbuchkunst ist. Bilder von Lupinchen zeigte die 30-jährige Binette Schroeder dem neugierigen Nord-Süd-Verleger Dimitri Sidjanski. In Bologna war das. Auf der Kinderbuchmesse. Sidjanski war begeistert. Er wollte sofort die Geschichte dazu. O Himmel, nach alldem, was Lupinchens Erfinderin widerfuhr …? Die Nacht darauf, schlaflos, arbeitsreich. Lupinchen wurde zur Bilderbuchfigur. Von ihr sind Kinder, von Erwachsenen ganz abgesehen, noch heut so angetan, dass sie ihr die eigene Traurigkeit, den eigenen Kummer anvertrauen.

Die Internationale Jugendbibliothek (IJB) in der Obermenzinger Blutenburg – von Binette Schroeders Wohnort Gräfelfing nicht weit weg – richtete der Künstlerin, die in ihrem Bilderbuch-Leben viele wunderbare märchenhafte Traumwelten entstehen ließ, eine besondere Jubiläums-Ausstellung ein: mit Briefen, die Binette Schroeder in den vielen Jahre ihrer immer enger werdenden Beziehung zur IJB, an diese und an viele tolle Leute schickte. Handgeschrieben. Handgemalt. Mit Augenzwinkern. Und mit viel liebenswerter Akkuratesse, bei aller freigelassenen Phantasie, die einer der letzten Grandes Dames der Kinderliteratur eignet. Und aus der sie sich bis dato nicht verabschiedet hat.

Dabei lässt Binette Schroeder nicht einfach ein zeit-gängiges Sujet raus, schon gar nicht eins nach dem andern. Sie ist bekannt dafür, zurückhaltend zu sein und eine Penibilität sondergleichen an den Tag zu legen. Ob das ihre eigenen, oft humorvollen Erzählungen betrifft oder Grimm`sche Märchen – berühmt wurde ihre Version vom „Froschkönig“, die zu ihrem 50. Geburtstag bei Nord-Süd erschien – oder Geschichten von Michael Ende, die sie bebilderte. Zusammen mit dem ihr wesensverwandten „Phantasten“, der in Garmisch aufwuchs und ein Jahrzehnt älter ist als sie, brachte sie 1993 bei Weitbrecht die „Vollmondlegende“ heraus. Dargestellt in einem „märchenhaften Raum“ und in „romantischen Landschaften“, geht es, wie bei ihr so oft, um „utopische Architekturen“, wie es der Stuttgarter Verlag trefflich formulierte.

Zum 80. Geburtstag beeilte man sich bei Nord-Süd, die große Binette Schroeder mit einem  Sammelband zu ehren: „Bilderbuch-Brunnen“. Ein Geschenkbuch – an die Autorin und an so viele Schroeder-Fans. Die sich glücklich schätzen dürfen, ihrem Idol oft begegnen zu können – im eigens für B. Sch. installierten „Kabinett“. Wie sagte sie so trefflich? „Ich möchte den Kindern Traumwelten geben und so die Möglichkeit, aus der Realität herauszufinden, um kreativ zu sein.“

Die Ausstellung zu Ehren von Binette Schroeder ist lange zugänglich: bis 14. März, Mo – Fr von 10 bis 16, Sa/So von 14 bis 17 Uhr.                                                                    Text und Fotos: Hans Gärtner

  • Die Bilderbuch-Künstlerin Binette Schroeder im Sommer 2009 im Garten der IJB
  • Ein Blick in Lupinchens Garten mit Vogel Robert, die Gäste finden sich bald ein    

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Hans Gärtner
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Prof. Dr. Hans Gärtner, Heimat I: Böhmen (Reichenberg, 1939), Heimat II: Brandenburg (nach Vertreibung, `45 – `48), Heimat III: Südostbayern (nach Flucht, seit `48), Abi in Freising, Studium I (Lehrer, 5 J. Schuldienst), Wiss. Ass. (PH München), Studium II (Päd., Psych., Theo., German., LMU, Dr. phil. `70), PH-Dozent, Univ.-Prof. (seit `80) für Grundschul-Päd., Lehrstuhl Kath. Univ. Eichstätt (bis `97). Publikationen: Schul- u. Fachbücher (Leseerziehung), Kulturgeschichtliche Monographien, Essays, Kindertexte, Feuilletons.