Der Eigennutz ist das Gift der Gesellschaft

Rettungsweste, Foto: Stefan Groß

Um die Mitte des 18. Jahrhunderts formulierte der schottische Gelehrte Adam Smith ökonomische Maximen, die seither das Denken und Handeln vieler Gesellschaften bestimmen. Die wohl wichtigste: „Wer sein eigenes Interesse verfolgt, befördert das der Gesamtgesellschaft häufig wirkungsvoller, als wenn er wirklich beabsichtigt, es zu fördern“.

Allerdings sollte dies nach Smith nur bei gegenseitigem Wohlwollen beziehungsweise Liebe und Zuneigung zwischen den ihrem Eigeninteresse folgenden Individuen gelten. Für Smith war klar, dass Eigennutz nur bei „tugendhaftem Verhalten“ den Gesamtnutzen mehrt. Doch diese entscheidende Bedingung wurde von seinen Nachfolgern in den Wind geschlagen. Sie verkürzten seine Lehre auf: Mehre Deinen eigenen Nutzen und alles ist gut.

Die Folgen dieser Verstümmelung sind verheerend, zumal die Maxime ungezügelten Eigennutzes vom Wirtschaftsbereich schnell auf andere Lebensbereiche übersprang. Die heute alles dominierende Frage lautet: Was nützt mir? Nicht nur in der Wirtschaft sondern auch in zwischenmenschlichen Beziehungen, in der Schule oder auch am Arbeitsplatz, im Schwimmbad oder an der Supermarktkasse – überall heißt es: Welchen Vorteil habe ich davon?

Es ist nur eine Frage der Zeit, bis dieses Denken eine Beziehung, eine Gesellschaft oder eine Staatengemeinschaft vergiftet. Denn niemand kann mehr davon ausgehen, dass der andere nicht nur im eigenen sondern auch im gemeinsamen Interesse handelt. Will der Konkurrent wohlstandsmehrenden Wettbewerb oder meinen Konkurs? Ist dies ein fröhlicher Wettstreit von Sängern und Chören oder ein Gemetzel unter Diven und Egomanen?

Warum fällt es so schwer, sich auf das Führungspersonal der Europäischen Gemeinschaft zu einigen? Weil alle Beteiligten – nicht ohne Grund – davon ausgehen, dass niemand unparteiisch und uneigennützig das gemeine Wohl der Europäer verfolgt. Bloß kein Deutscher, kein Franzose, kein Osteuropäer, kein Christ-, Sozial- oder Liberaldemokrat. Und wenn es gar nicht anders geht, dann Unterstützung nur bei entsprechenden Gegenleistungen. Dass irgendjemand sein Mann-, Frau-, Franzose- oder Bulgaresein hinter sich lassen und bedingungslos zu Europa stehen könnte, gilt als ausgeschlossen.

Wahrscheinlich ist diese Sichtweise sogar realistisch. Und sie hat sich jahrtausendelang bewährt. Traue nur Dir selbst und allenfalls noch Deiner Sippe. Doch diese Sichtweise ist unter den Lebensbedingungen der Jetztzeit zur Bedrohung geworden. Nur sich selbst zu retten, ist nämlich nicht länger möglich. Entweder das Boot, auf dem wir alle sitzen, erreicht die Küste oder wir gehen gemeinsam unter: Europäer genauso wie Amerikaner, Chinesen genauso wie Inder oder Afrikaner.

Lange, womöglich zu lange haben alle – Individuen, Völker und Staatengemeinschaften – zuvörderst ihren eigenen Vorteil zu maximieren versucht. Das Ergebnis ist eine vergiftete, kranke Welt. Mit Wohlwollen, Liebe und Zuneigung wäre die Menschheit wahrscheinlich weitergekommen. Aber tugendhaftes Verhalten, wie von Adam Smith gefordert, ist unsere Sache nicht. Hier haben wir noch einen schweren Gang vor uns.

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