Herbert Kapfer: „1919“

nach der dokumentarischen Höredition „Die Quellen sprechen“

Judengasse in Salzburg, Foto: Stefan Groß

Herbert Kapfer: 1919, Verlag Antje Kunstmann, München 2019, ISBN: 978-3-95614-283-3, 25 EURO (D)

In seinem Buch „1919“ stellt Herbert Kapfer verschiedenste Quellen und Augenzeugenberichte zusammen, um die ganze Fülle an Ereignissen aus jenen Revolutionsjahren 1918/19 zugänglich zu machen: 1919setzt sich aus Texten zusammen, die zwischen 1918 und 1938 veröffentlich worden sind – ausgenommen die Zeilen von Heiner Müller. Alles ist Zitat, bis auf etwa fünfzig Wörter, die in der Titelei von mir eingefügt wurden. Orthographie, Interpunktion und Grammatik wurden unverändert beibehalten. Auslassungen, Umstellungen, auch innerhalb einzelner Sätze, nicht gekennzeichnet.“ (S. 411)

So berichtet er aus (fast) jeder Perspektive, um diesem epochalen Wendepunkt in der deutschen Geschichte allumfassend zu beschreiben. VerschiedeneKräfte sind am Werk, die sich widerstreiten und gegenseitig bekämpfen – linke, kommunistische, anarchistische, revolutionäre ebenso wie völkische, antisemitische, rechtsradikale.: In ihren Geschichten präsentieren sich die tausendfachen Probleme einer Zeit, die von den Explosionen des Krieges erschüttert und von der katastrophalen Niederlage geprägt ist, von Hunger, Massenelend und Kriegsgewinnlern, von fanatischem Nationalismus und sozialrevolutionären Ideen, von militärischer Gewalt und Fantasien freier Liebe. In „1919“ fließen Hunderte von Splittern, Szenen und Handlungsverläufen aus zeitgenössischen Romanen, Berichten und Aufsätzen zusammen. Ein Erzählstrom in 123 Kapiteln, der aus den Ideen und Kämpfen der Zeit schöpft, aus trivialen, völkischen, utopischen, dadaistischen, reaktionären, politischen, literarischen und fotografischen Quellen. 

Die kreative Arbeit mit Originalquellen hat eine Vorgeschichte: In der dokumentarische Höredition „Die Quellen sprechen“ der Redaktion Hörspiel und Medienkunst des Bayerischen Rundfunks, in Zusammenarbeit mit dem Institut für Zeitgeschichte, lesen Schauspieler und Zeitzeugen hunderte von ausgewählten Dokumenten, aus der Zeit von den antisemitischen Aktionen in Deutschland nach der nationalsozialistischen Machtergreifung bis zum Holocaust, der sich über ganz Europa erstreckte. Ausgangspunkt ist die 16-bändige Quellenpublikation „Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933–1945“. Die 16-teilige dokumentarische Höredition des BR wird im Zeitraum von 2013 bis 2019 realisiert. Die Dokumente wurden von Tätern, Opfern und Beobachtern verfasst; es sind Zeitungsberichte, Hilferufe, Verordnungen, Befehle, Privatbriefe und Tagebuchaufzeichnungen. Die Dokumente sind chronologisch angeordnet, um interpretierende und dramaturgische Abfolgen zu vermeiden. In ständig wechselnden Perspektiven wird ein repräsentativer Querschnitt durch alle Lebensbereiche bereitgestellt. Menschen kommen in ihrer damaligen Wahrnehmung und ihren unterschiedlichen Horizonten zu Wort. Hinzu kommen persönliche, lebensgeschichtliche Einblicke jüdischer Zeitzeugen, die an der Produktion als Sprecher mitwirken und berichten, wie sie selbst die Verfolgung erlebten und überlebten.

Soldaten, Rückkehrer, Revolutionäre, Minister, Freikorpskämpfer, Gymnasiasten, Matrosen, Monarchisten, Vertriebene, Verliebte, ein Vagabund, eine Zeitungsverkäuferin berichtet aus ihrer Sicht von den Probleme der Zeit, Not und Elend, Ängste und Unsicherheiten, Sehnsüchte und Visionen. Die alte Welt ist zerbrochen, keinen Kaiser, kein Deutsche Reich, wie es politisch weitergeht, weiß niemand.

Kapfer teilt sein Werk in fünf Teile und berichtet so von den Wirrungen nach Kriegsende 1918 zu den Revolutionsumbrüchen 1919. Die Handlungsebene reicht vom Baltikum bis nach Süddeutschland. Dabei wird der Matrosenaufstand 1918 in Kiel, die Münchener Räterepublik von Dichtern und linke Intellektuellen wie Gustav Landauer, Erich Mühsam, Oskar Maria Graf, Ernst Toller, Rainer Maria Rilke flankiert, die Ermordung Rosa Luxemburgs und Karl Liebknechts durch rechte Verbände, die Beratungen in Weimar, aber auch imaginierten Geschichten. Neben revolutionären Parolen steht auch die die Sehnsucht nach Erlösung nach einem starken Mann, der die Wirren durch Autorität ersetzt. Eine Vorsehung, die sich später durch Hitler erfüllen sollte.

Die Zeit nach dem Ende des 1. Weltkrieges bis zum Aufkommen der Arbeiter- und Soldatenräte 1919 wird als ein zusammengesetztes Puzzle von Zitaten und Texten beschrieben, wo jedes einzelne Teil einem subjektiven Ausschnitt der eigenen Wirklichkeit entspricht. Die Wirklichkeit wird individualisiert und die Widersprüche zugespitzt, um ein möglichst genaues Panorama der Nachkriegswirren vorzustellen. Deren Zusammenführung ist eine Leistung, die sorgfältiges Quellenstudium erfordert und eine neue interessante Sichtweise und Vorgehensweise bietet. Sein Weiterspinnen von historischen Möglichkeiten unter dem Motto „Was wäre, wenn (…)“ bietet allerdings nur die Herrschaft des Konjunktivs und der Phantasie und führt zu nichts. Das hätte Kapfer besser weggelassen. 

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Michael Lausberg
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Dr. phil. Michael Lausberg, studierte Philosophie, Mittlere und Neuere Geschichte an den Universitäten Köln, Aachen und Amsterdam. Derzeit promoviert er sich mit dem Thema „Rechtsextremismus in Nordrhein-Westfalen 1946-1971“. Er schrieb u. a. Monographien zu Kurt Hahn, zu den Hugenotten, zu Bakunin und zu Kant. Zuletzt erschien „DDR 1946-1961“ im tecum-Verlag.