Russische Kriegsverbrechen und Völkermord gegen die Ukraine

Der Aufschrei der Dichter

soldaten krieg gewehr kampf ukraine fahne politik, Quelle. geralt, Pixabay License Freie kommerzielle Nutzung Kein Bildnachweis nötig

Seit dem Massaker von Butscha, bei dem russische Soldaten gezielt und bestialisch wehrlose Zivilisten ermordet haben, verdichten sich Hinweise und Beweise für Kriegsverbrechen und Völkermord, den russische Soldaten gegen das ukrainische Volk begehen. Dies führte zu einem Aufschrei von ukrainischen Dichtern in deutschen Medien.  Dichter hatten schon immer eine besondere Fähigkeit, die vielfältigen Formen des Schreckens, der Angst und der Grausamkeit des Krieges zur Sprache zu bringen. Serhij Zhadan und Jiri Andruchowytsch gehören zu den bedeutendsten und beliebtesten ukrainischen Dichtern der Gegenwart. Sie sind auch in der literarischen Welt in Deutschland seit Jahrzehnten bekannt. Zahlreiche Lesungen, Vorträge und Teilnahme an Literaturveranstaltungen verstärkten hier ihre Präsenz. Mittlerweile sprechen sie beide gut Deutsch, so dass sie durchaus Interviews in dieser Sprache geben können. Im Internet sind zahlreiche deutschsprachige Interviews aufrufbar. Nach den Schreckensmeldungen von Butscha haben sich Zhadan und Andruchowytsch auch an deutsche Leser gewandt. Beide Schriftsteller sind in ihrem Heimatland in der Ukraine geblieben und wenden sich von dort aus an die Europäer, mit denen sie sich besonders verbunden fühlen, die Deutschen.

 Serhij Zhadan in der „Zeit“

 Der Untertitel von Zhadans Beitrag in der „Zeit“ lautet „Ein zorniger Bericht aus Charkiw“. Warum so viel Zorn?  Und weshalb in einer Botschaft an westliche Verbündete? Der berechtigte Zorn gilt den Kriegsverbrechen und dem Völkermord der Russen. Und Zhadan möchte Klartext reden und hören. Er will, dass das Unrecht und die Verbrechen, die da gerade geschehen, klar benannt und verurteilt werden und dass keine rechtfertigenden Erklärungen für das Verhalten der Russen gesucht werden sollten.  Die Kriegsverbrechen sind erschreckend klar und deutlich. Sie sind abscheulich und verdammenswert. Man muss sie nicht erklären.

Serhij Zhadan gibt sein Plädoyer mit folgenden Worten ab:

„Wir alle wissen, dass die Russen gekommen sind, um uns umzubringen. Alle Verlautbarungen der russischen Führung über die Denazifizierung und Demilitarisierung der Ukraine sind eine totale und zynische Lüge – die Russen plündern, vergewaltigen, quälen und vernichten die Ukrainer allein deshalb, weil sie Ukrainer sind. Das ist ein Genozid. Das ist der zutreffende Begriff. Jeder, der jetzt versucht, eine Rechtfertigung oder Erklärung für das Verhalten der Russen zu finden, tut nichts anderes, als einen Genozid zu rechtfertigen.“

(Serhij Zhadan, 2022, Die Zeit)

Völkermord ist Völkermord. Genozid ist Genozid. Beides ist in zivilisierten Staaten verboten. Putin und seine Armee haben sich durch ihre furchtbaren Verbrechen aus der zivilisierten Welt verabschiedet. Sie gehören nicht mehr dazu. Sie sind Barbaren. Kriegsverbrechen und Völkermord werden vom Internationalen Staatsgerichtshof juristisch verfolgt und geahndet. Zhadan hat Recht! Eine rote Linie ist überschritten. Massenmörder überschreiten rote Linien. Wir müssen sie bekämpfen, nicht erklären.

Jiri Andruchowytsch und sein Aufschrei in der FAZ 

Die russischen Kriegsverbrechen und der Völkermord sind auch das Hauptmotiv für den Aufschrei von Jiri Andruchowytsch in der FAZ. Er betont, dass das Massaker von Butscha kein Einzelfall ist, sondern eine Methode und Charakteristikum der russischen Kriegsmaschinerie. Tötung unschuldiger Zivilisten, Vergewaltigungen und Plünderungen gehören leider dazu. Dies alles hat System. Andruchowytsch nennt dieses System „Entmenschlichung“.

„Russlands Bevölkerung hat sich erfolgreich selbst entmenschlicht. Das ist ein Teil der Menschheit, der freiwillig zum Antimenschentum übergegangen ist.“

(Andruchowytsch, FAZ vom 8.4.22)

Andruchowytsch spricht bewusst von der russischen Bevölkerung, nicht von der russischen Armee. Denn der Großteil der russischen Bevölkerung scheint nach Umfragen diesen Vernichtungskrieg zu befürworten. Selbst zahlreiche Dekane von Hochschulen sprachen sich in einem öffentlichen Aufruf für diesen Krieg aus. Hetzerische prorussische Journalisten fordern in Moskau die Tötung aller Ukrainer. Deshalb spricht Andruchowytsch von einer kollektiven Verantwortung und von einer kollektiven Schuld. Die Schwere dieser Verbrechen sei so gravierend, dass der Westen diese nicht wegerklären oder rechtfertigen solle.

Am 8. April 2022, an dem dieser Aufschrei in der FAZ erschienen ist, wurde abends im TV-Sender 3Sat in der Sendung „Kulturzeit“ ein Interview mit Jiri Andruchowytsch gesendet. Der Schriftsteller betonte darin, dass oft die massive Staatspropaganda als Erklärung für die Unterstützung Putins und des Angriffskrieges durch das russische Volk genannt werden. Er glaubt jedoch, dass die kollektive Entmenschlichung des russischen Volkes mehrere und tiefere Wurzeln habe.  Im Volk seien deutliche imperiale und chauvinistische Sehnsüchte verbreitet. Die Größenphantasien von einem neuen großrussischen Imperium beflügeln nicht nur Putin, sondern auch sein Vo

Literatur

 Andruchowytsch, Jiri, „Alles, was wir sehen, zeugt von Entmenschlichung“. Ein Aufschrei. FAZ vom 8. April 2022

Csef, Herbert, Gedichte gegen den Krieg – der ukrainische Lyriker Serhij Zhadan. Tabularasa Magazin vom 31. März 2022

Zhadan, Serhij, Wir sind bereit. Ein zorniger Bericht aus Charkiw. Die Zeit vom 7. April 2022, Seite 55

 

Korrespondenzadresse:

Professor Dr. med. Herbert Csef, An den Röthen 100, 97080 Würzburg

Csef_h@ukw.de

Über Herbert Csef 107 Artikel
Prof. Dr. Herbert Csef, geb. 1951, Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Psychoanalytiker. Studium der Psychologie und Humanmedizin an der Universität Würzburg, 1987 Habilitation. Seit 1988 Professor für Psychosomatik an der Universität Würzburg und Leiter des Schwerpunktes Psychosomatische Medizin und Psychotherapie an der Medizinischen Klinik und Poliklinik II des Universitätsklinikums. Seit 2009 zusätzlich Leiter der Interdisziplinären Psychosomatischen Tagesklinik des Universitätsklinikums. Seit 2013 Vorstandsmitglied der Dr.-Gerhardt-Nissen-Stiftung und Vorsitzender im Kuratorium für den Forschungspreis „Psychotherapie in der Medizin“. Viele Texte zur Literatur.