Susanne Willems: Der entsiedelte Jude. Albert Speers Wohnungsmarktpolitik für den Berliner Hauptstadtbau

Treppen, Foto: Stefan Groß

Albert Speer machte während der NS-Herrschaft Karriere: Ab 1937 war er Generalbauinspektor für die Reichshauptstadt, plante den Neubau Berlins und leitete zahlreiche Monumentalbauvorhaben Hitlers, darunter auch den Bau der Neuen Reichskanzlei, die den NS-Herrschaftsanspruch unterstreichen sollten. Speer wurde ab 1942 als Rüstungsminister. Es gelang ihm, trotz starker Bombardierungen die Gesamtproduktion bis zum Kriegsende jährlich weiter zu erhöhen. Auf diese Weise trug er entscheidend zur Verlängerung der deutschen Kriegführung bei, die zu den größten Opferzahlen im letzten Kriegsjahr führte. Als Rüstungsminister war er für die Beschäftigung von sieben Millionen Zwangsarbeitern mitverantwortlich und nahm Einfluss auf Betrieb und Ausbau von Konzentrationslagern.

Dieses Buch des Historikerin Susanne Willems beschäftigt sich mit der systematischen Verelendung der Juden in Berlin als Wohnende, für die Speer als Generalbauinspektor und seine Behörde die Verantwortung trägt: „Geschäfts- und Wohngrundstücke im Eigentum von Juden wurden ebenso wie deren Wohnungen Objekte privater Bereicherung, behördlich vermittelter Begünstigung und staatlich organisierten Raubes.“ (S. 8) Sie bezieht sich dabei auf die archivalische Hinterlassenschaft der Behörde des Generalbauinspektors für Berlin und dessen Durchführungsstelle für die Neugestaltung. Dieses Buch ist die überarbeitete und erweiterte Fassung der 1999 an der Ruhr-Universität Bochum erfolgreich eingereichten Dissertation zu Stadtmodernisierung, Wohnungsbaumarkt und Judenverfolgung in Berlin zwischen 1938 und 1943.

Die Verelendung der Wohnverhältnisse der Juden und deren Konzentration in Häusern, Wohnungen oder Barackenlagern in menschenunwürdigen Verhältnissen bildete eine Etappe auf dem Weg zur Deportation und Vernichtung. Von den 170.000 bis 1941 in Berlin verbliebenen Juden waren fast 74.000 von den Folgen der rassistischen Wohnungsmarktpolitik Speers betroffen.

Susanne Willems beschäftigt sich dabei mit den Bedingungen und Etappen des „Deklassierungsprozesses“ (S. 11), dem Berliner Juden seit dem Novemberpogrom unterworfen wurden und die Rolle der Wohnungsmarktpolitik für den Berliner Hauptstadtbau von Albert Speer und seinen Heloten.

Hier werden vor allem die Folgen der Politik des Generalbauinspektors Speer und seiner Behörde für die verbliebenen Berliner Juden in allen Einzelheiten beschrieben: das Wohnungselend und die Deportation als Folge des Hauptstadtbaus, das „Arisierungsgeschäft“, aber auch die Selbsthilfe besonders der Wohnungsfürsorge der Jüdischen Kulturvereinigung im Kampf gegen die Verelendung. Speers Täterschaft im NS-Regime wird durch diese Untersuchung noch einmal erweitert und lückenlos aufgeklärt. Dieses Buch sorgt mit dafür, dass diese Fakten nicht verblassen und sind eine Bereicherung für die historische Erforschung der NS-Zeit.

Susanne Willems: Der entsiedelte Jude. Albert Speers Wohnungsmarktpolitik für den Berliner Hauptstadtbau, 2. Auflage, Das neue Berlin, Berlin 2018, 360-01332-3, 25 EURO (D)

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Michael Lausberg
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Dr. phil. Michael Lausberg, studierte Philosophie, Mittlere und Neuere Geschichte an den Universitäten Köln, Aachen und Amsterdam. Derzeit promoviert er sich mit dem Thema „Rechtsextremismus in Nordrhein-Westfalen 1946-1971“. Er schrieb u. a. Monographien zu Kurt Hahn, zu den Hugenotten, zu Bakunin und zu Kant. Zuletzt erschien „DDR 1946-1961“ im tecum-Verlag.