Von deutscher Art und deutschem Wesen

Einen Wahn verlieren macht weiser als eine Wahrheit finden

Juralie-Geschäftsmann oder Banker in schwarzem Kostüm werfen das Hemd des gepackten Heapgold-Geldes auf, Shutterstock, Quelle: Bilderjet, Pixabay License Freie kommerzielle Nutzung Kein Bildnachweis nötig

„Die Deutschen sind in einem unseligen
Wahne befangen. Sie meinen immer noch
es käme darauf an, Recht zu behalten.“
Ludwig Börne

„Am deutschen Wesen mag die Welt genesen,“ mahnte einst der Dichterfürst Emanuel Geibel in einer im Stil der Zeit verfassten, vor Schmach und Schwulst nur so schwitzenden Huldigung an die deutsche Nation (Deutschlands Beruf, erstm. 1861). Letztere freilich stand damals noch immer aus. Bekanntlich wurde sie dann umso erfolgreicher ´mit Eisen und Blut´ erfochten und im besiegten Frankreich von einer alles andere als liberal, vielmehr strikt monarchistisch gestimmten Versammlung proklamiert, die durchweg aus Offizieren und Fürsten mehrheitlich preußischer Abstammung oder Gesinnung bestand. Mit der berüchtigten ersten Strophe des Deutschlandliedes auf den Lippen und einem mannhaften ´Hurra!´ feierten die Repräsentanten einer damals bereits überkommenen, recht eigentlich abgelebten Elite im Spiegelsaal von Versailles ihr verspätetes Deutschtum, dem die verhängnisvollen Worte eines heute vergessenen Höflings schreibender Zunft den passenden Anstrich (und Anspruch) verliehen.

Seither ist viel Unheil von diesem einigen Deutschland ausgegangen. Bis heute freilich halten sich die hierzulande Herrschenden an das Wort des Dichters. Man muss dessen Hymnus gelesen haben, um eine Ahnung davon zu bekommen, wie es noch bis ins 21. Jahrhundert hinein um jene steht, die meinen, von ihren hohen Rössern aus dem Rest der Eselstreiber die Leviten lesen zu müssen. Dann nämlich wird man finden, dass die Weltbeglücker neuberlinerischer Art von ihren Visionen ganz ähnlich besessen sind wie der vom Bayernkönig Maximilian Jahrzehntelang ausgehaltene Auftragspoet.

Abzüglich des patriotischen Pathos, dem damals nahezu jede Nation Europas so hemmungslos wie selbstverständlich huldigte, geriet auch dem Herrn Franz Emanuel August Geibel der vaterländische Gesang schnell etliche Nummern zu groß. Die Forderung, ein einig Reich zu schaffen, konnte einem Haus, – und Hofsänger teutscher Zunge nicht genügen:“ Macht Europas Herz gesunden, und das Heil ist euch gefunden!“ Mehr noch:“ Stark ein ein´ger Wille zückt, wird im Völkerrat vor allen, deutscher Spruch aufs neu‘ erschallen.“

Nun, das tat er zuletzt bis in den Mai des Jahres 1945 hinein, wo sein finsteres Echo am Ende in den Ruinen einer gigantischen Trümmerwüste verpuffte, die jenseits des besungenen, beschworenen und endlich erzwungenen Reiches halb Europa umspannte. Seit der neuerlichen Vereinigung Deutschlands, die gut 45 Jahre nach Ende des letzten Weltkrieges mit viel Ach und wenig Krach gelang, vernimmt die Welt schon wieder verdächtige Geräusche, die vor allem von den südosteuropäischen Völkern des Kontinents recht widerwillig vernommen werden. Wollten die Deutschen in jenen magischen zwölf Jahren, denen sie ursprünglich tausend zumaßen, den Rest der Welt mit ihrer rassischen Überlegenheit erlösen, so tun sie´s heute mit der Moral, einer Hypermoral vielmehr, die keine Ausflüchte und keinen Aufschub mehr duldet. Weh denen, die da nicht mittun!

Ob es sich um vermeintliches Flüchtlingselend oder ein rigoros Gender konformes Verhalten handelt, ums Weltklima oder den Welthandel: hier wissen einzig sie Bescheid, ein für allemal, und lassen es die andern gehörig wissen. Tatsächlich hat das im europäischen Vergleich unerhört wiedererstarkte Deutschland schon recht bald nach der staatlichen Einigung die entsprechenden Weichen dafür gelegt, das ihnen von den andern keiner mehr in die lästige Quere kommt. Mit der ausgerechnet von einer rot-grünen Regierung initiierten Agenda 2010 verschaffte sich dieses Land vor allem wirtschaftlich einen Vorsprung, den auf dem Kontinent kein anderer Staat mehr aufzuholen vermochte. Der Fetisch der schwarz lackierten Null, die nicht minder irrwitzigen Ausfuhrraten gehätschelter Großkonzerne, und seit gut fünf Jahren jene mütterlich inspirierte, rasend schnell entfachte Flüchtlingswelle, deren Wogen mehr an kultureller Identität einebnen werden als zur Stunde zu befürchten steht: so präsentiert sich Deutschland einmal mehr als kontinentaler Amokläufer, der seine eigentlichen Ziele ausgerechnet mit dem nimmermüden Ruf nach einem ´starken Europa´ kaschiert. Tatsächlich hat Deutschland einen Keil in die EU getrieben und sich selbst dabei zusehends isoliert. Wieder einmal. Die übrigen Mitgliedstaaten begegnen dem Goliath zunehmend verängstigt, denn er ist seinen Völkern mittlerweile verhasst bis auf´s Blut.

Vor allem die in den östlichen und südlichen Ländern agierenden Spitzen sahen sich durch den Alleingang Merkels in Sachen Flüchtlingspolitik alarmiert und zur Tat aufgerufen, während dem einfachen Volk der Mittelmeer-Anrainer schon vor den nächsten Spardiktaten und Haushaltssperren, und auch den dauernden weltanschaulichen Belehrungen graut. Diese Staaten entvölkern sich in Rekordgeschwindigkeit, doch wandert die erwerbslose Jugend ausgerechnet nach Deutschland ab, dessen ökonomische Omnipotenz ihre Heimatländer verheert. Sie haben, wollen sie es schaffen, keine Wahl. Die Richtung gibt Berlin vor. Und anstatt den ohnehin geschwächten Griechen finanziell aus der Flüchtlingsmisere herauszuhelfen, schließt man dort lieber mit Ankara Milliardendeals ab. Wenn jetzt Türken und Russen, Amerikaner oder Saudis um Macht und Einfluss in einem der zahllosen, durch ´humanitäres Engagement´ verpfuschten Staaten an der Peripherie des Kontinents ringen, dann tun sie das heute ausgerechnet in Deutschland, denn irgendwie hat man hier, allen gegenteiligen Beteuerungen zum Trotz, ein Interesse daran, keine weiteren Millionen Flüchtlinge mehr vererbt zu bekommen. Libyen ist eines der Einfallstore, die außerhalb Europa liegen.

Nun passt eine aktive, vor allem eigenständige Geopolitik nicht in das Kalkül einer Nation, die ihrerseits dauernd der Weltverbrüderung das Wort schwätzt und gleichzeitig, eigentümlich folgerichtig, die Brüder und Schwestern der europäischen Familie dazu ermahnt, dem Diktat grenzenloser Zuwanderung zu gehorchen bzw. zu genügen. Kunterbunt bis in den eigenen Untergang hinein: so hat das großdeutsch dominierte Europa zu sein. Die Dampframme dauernder Exportüberschüsse wird den souveränen Nationalstaaten dann schon den sauren Rest verpassen.

Von der arischen Volksgemeinschaft bis hin zu einer, die ihre kulturellen und biologischen Identitäten so lange mischt und wechselt, tauscht oder ändert, bis nur noch der gewaltige, am Ende morsche Überbau merkantiler Interessen übrig bleibt: war es kein allzu weiter Weg. Wie oft ist in diesem Zusammenhang vom deutschen Selbsthass die Rede gewesen. Mir will eher scheinen, dass den Deutschen einmal mehr das eigene Sendungsbewusstsein zu Kopfe steigt. Wenn sie in autistischer Besessenheit die Zeit des dritten Reiches erinnern, dann nur, um damit aller Welt zu beweisen, wie weit sie es gesinnungsethisch nunmehr gebracht haben. Ja, gerade wir müssen es doch der Welt und noch dem wirklich allerletzten sagen dürfen: wo es künftig lang zu gehen habe! Die Meinungen der Mehrheit werden bei dieser und anderer Gelegenheit so lange ´bearbeitet´, bis sie mit denen sorgsam ausselektierter Minderheiten endlich übereinstimmen. Das gilt für die Kaste der Politiker so gut wie für jene, die man sich ausgesucht hat, um mittels ihrer ermüdende Exempel statuieren zu können. Im Land der Täter darf es unterdrückte oder verfemte Minderheiten nie wieder geben.

Ich will mich nicht am derzeit praktizierten Genderwahn verfehlen und glaube auch, dass es Neigungen solcher und ähnlicher Art stets gab und geben wird. In Deutschland freilich hat sich die Beschäftigung mit dieser Thematik gesteigert bis zur Obsession. Es muss erlaubt sein zu fragen, ob die hemmungslose öffentliche Ausschlachtung eines solchen Phänomens nicht auch dazu führen könnte, dass die begleitenden Symptome sich immer mehr verselbständigen und endlich einer Beliebigkeit Tür und Tor öffnen, die am Ende, dem allzu dicken, jedes Gemeinwesen überfordern: Identitäten werden dann durch Wahrscheinlichkeiten, Prinzipien durch Befindlichkeiten ersetzt. Wie könnte man das, was übrig bleibt, noch auf einen wirklich gemeinsamen Nenner bringen? Wird schon werden?

Die deutsche Nation ging von der Romantik aus und verwirklichte sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auf den Schlachtfeldern Europa. Beides, die ständigen Kriege und der idealistische Glaube an letzte, höchste Dinge, bis hin zur Verstiegenheit im allerkleinsten Detail: hat den Deutschen seither mehr geschadet als genützt. Wir wollen aber nicht ungerecht sein. Das Deutschland Stresemanns oder Brandts verdient bis heute allerhöchsten Respekt. Immer dann nämlich, wenn dieses Deutschland am Boden lag und sich einer wohlmeinenden Ordnungsmacht bzw. den entsprechenden Bündnissen verlässlich zur Verfügung stellte, ging es zeitweilig einen guten, einen vorbildlichen Weg. Und ich neige fast zu der Auffassung, dass den mal versponnen, dann wie entfesselt wütenden Deutschen die Bedingungen eines innerlich heterogenen, vor lauter kleineren und größeren, nie allzu großen Fürstentümer strotzenden Bundes oder Reiches, wie er fast tausend Jahre vorhielt, insgesamt sehr gut bekamen. Dieser allzu oft verhöhnte oder beklagte territoriale Flickenteppich verhinderte jenen Größenwahn, der in dem faustischen Verlangen nach Lebensraum und Weltherrschaft seinen bis dato ungeschlagenen Höhepunkt fand. Von den hypertrophen Verstiegenheiten importierter Gewissheiten war dieser lockere Zusammenschluss gefeit. Der Willkür eines übersteigerten Zentralismus, wie ihn die EU praktiziert, entsprachen allenfalls die gelegentlichen Schrullen selbstherrlicher Märchenprinzen. Stattdessen sicherte das heute kurios anmutende Bundesstaatliche Gebilde den angestammten Provinzialismus, die ganze harmlose Gemütlichkeit und Innerlichkeit, der wir auch die entsprechenden Dichter und Denker verdankten, deren Wirkung in dem Moment verheerend ausfallen musste, da ausgerechnet diesem Volk Maß und Augenmerk verloren gingen. Ob Hegel, Marx oder Nietzsche: ihren Lehren eignete, einmal vom Geist in die Materie übersetzt, eine unerhörte Sprengkraft, deren Wucht dann um den ganzen Erdball fegte. Das galt noch für Heisenberg oder Haber, das gilt im Grunde unverändert bis zum heutigen Tag: was der deutsche Genius auch ausbrütet, es taugte allemal, ein Monstrum zu gebären. Nicht erst Hitler entfesselte Kräfte, die bis dato in stiller Reserve lagen. Auch derzeit – ich nenne keine Namen – schüren PolitikerInnen und AktivistInnen, gewisse Eliten und ihre Satrapen mittels modischer Beschwörungen, entlang der passenden Schlagworte, völlig falsche und unbegründete Erwartungen. In diesem Zusammenhang sei, abschließend, an ein Wort des Eingangs schon zitierten Börne erinnert:

“Einen Wahn verlieren macht weiser als eine Wahrheit finden.“

Shanto Trdic, 20.01.2020

 

Über Nathan Warszawski 535 Artikel
Dr. Nathan Warszawski (geboren 1953) studierte Humanmedizin, Mathematik und Philosophie in Würzburg. Er arbeitet als Onkologe (Strahlentherapeut), gelegentlicher Schriftsteller und ehrenamtlicher jüdischer Vorsitzender der Christlich-Jüdischen Gesellschaft zu Aachen.