Was ist das, was in uns lügt, stiehlt, hurt und mordet?“ – Grundfragen von Georg Büchner und Lukas Bärfuss

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Die Fragen nach den Ursachen von Lügen, Stehlen, Huren und Morden begegnen uns im Nachlass des Schriftstellers Georg Büchner mindestens drei Mal: einmal im Brief vom 10. März 1834 an seine Braut, dem „Fatalismus-Brief“. Darin beklagt er sich über den „grässlichen Fatalismus der Geschichte“ und die Unfreiheit der Menschen. Das Zitat findet sich weiterhin in den Werken „Dantons Tod“ und „Woyzeck“. Lukas Bärfuss wurde am 2. November 2019 in Darmstadt der Georg-Büchner-Preis verliehen. In seiner Dankesrede bezog er sich mehrmals auf Georg Büchner. In Interviews formulierte er mehrmals den Satz: „Büchner hat mein Leben verändert“. Neben Heinrich von Kleist ist Georg Büchner schon seit Beginn seiner Schriftsteller-Karriere das wichtigste Vorbild. Seine Sprache und seine Grundthemen liegen auch Lukas Bärfuss am Herzen. Am meisten beeindruckt hat ihn Büchners Drama „Dantons Tod“.

Dantons Frage nach der Gewalt

Georges Danton (1759-1794) war einer der großen Massenmörder der französischen Revolution. Als damaliger Justizminister war er wesentlich mitverantwortlich für die September-Morde, bei denen viele Adlige in Gefängnissen oder auf der Straße umgebracht wurden. In Büchners Drama ist Danton zunehmend angewidert von dem Blutrausch. Er fragt und grübelt über Verantwortung und Schuld des Mörders. Lukas Bärfuss hat Georg Danton in seiner Dankesrede zur Verleihung des Georg-Büchner-Preises wie folgt beschrieben:

„Und es ist diese Frage, die mich mit Georg Büchner verbindet. Was das denn sei, was in uns lügt, stiehlt, hurt und mordet, fragt der Revolutionär Georges Danton, als er in einer Nacht von den Erinnerungen an die von ihm verantworteten Septembermorde heimgesucht wird. Es ist ein Schlächter, der diese Frage stellt, einer, der nach Rechtfertigung für seine Taten sucht, und nur ein weiterer, der sich auf die Notwehr beruft, auf den Fluch, der sich auf seine Hand gelegt und ihn gezwungen habe. So töten sie immer, die Mörder, ausnahmslos, sie argumentieren mit dem Sachzwang, dem Befehlsnotstand, dem Schicksal, dem sie ausgeliefert seien. Es scheint sie zu besänftigen, Danton jedenfalls wird danach ganz ruhig, bevor er seine Frau, Lucille, zu sich ins Mörderbett ruft.“ (Bärfuss 2019)

„Meine besten Jahre verbrachte ich mit dem Studium der Gewalt“ (Lukas Bärfuss)

In den Romanen und Theaterstücken von Lukas Bärfuss geht es um Liebe und Hass, um Sexualität und Tod, um Ungerechtigkeit, Aggression und Gewalt, Mord, Totschlag und Suizid. Das verbindet ihn mit Georg Büchner, der zwar wenige Werke hinterlassen hat, weil er bereits im 23. Lebensjahr starb. Büchners Werke handeln auch von Liebe und Hass, sowie Mord und Totschlag. So wie Georg Büchner in „Dantons Tod“ über die Massenmorde der Französischen Revolution schreibt, so ruft Lukas Bärfuss in seinem Debüt-Roman „Hundert Tage“ (2008) den Völkermord in Ruanda in Erinnerung. Woyzeck ermordet im gleichnamigen Drama seine Partnerin Marie, während die betrogene Malerin Susan im Drama „Vier Bilder der Liebe“ von Lukas Bärfuss ihren Ehemann umbringt. Bei beiden Dichtern finden wir hier den gleichen Handlungsstrang: eine schwierige und konflikthafte Partnerbeziehung führt zur Tötung des Liebespartners (Intimizid). Gewalt und Mord müssen sich nicht immer gegen andere richten, sie können auch das eigene Selbst zerstören. Wir sprechen dann von Selbstmord oder Suizid. Diesen hat Lukas Bärfuss mehrmals in seinen Werken ausführlich beschrieben. Seine intensive Auseinandersetzung mit dem Suizid seines Bruders prägt seinen zweiten Roman „Koala“ (2014). Dieser Roman hat zahlreiche autobiographische Elemente (Csef 2020). Vor seinem Roman „Koala“ widmete sich Lukas Bärfuss bereits in zwei früheren Werken dem Thema Suizid, in „Meienbergs Tod“ und in „Die Probe“.

Da sich Gewalt, Mord und Totschlag wie ein roter Faden durch das Werk von Lukas Bärfuss ziehen, ist es mehr als verständlich, dass er in seiner Dankesrede bei der Verleihung des Georg-Büchner-Preises folgende Worte sprach:

„Ich habe in den letzten Jahrzehnten eine Existenz mit, durch und auf dem Leid errichtet. Auf Mord und Totschlag, Folter und Vergewaltigung. Meine besten Jahre verbrachte ich mit dem Studium der Gewalt, und nicht etwa bloß abstrakt und theoretisch, nein, ich habe meinen Figuren eine Existenz geschenkt, um diese Existenz anschließend in ein einziges Leiden, in eine große Pein zu verwandeln. Jeden Charakter, der meine Aufmerksamkeit erregte, muss man aufrichtig bemitleiden.“ (Bärfuss 2019).

Die Frage, wie man zum Mörder wird, führt in der abendländischen Philosophie fast immer zur Frage nach dem Bösen.

Das „radikale Böse“ bei Immanuel Kant.

In seinem 1793 erschienenen Werk „Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“ bezieht sich Immanuel Kant auf die Psychologie des Bösen von Rousseau. Er geht jedoch über Rousseau hinaus, indem er ein sehr ausgewogenes Verständnis des Bösen entwirft: Dieses sei sowohl in uns als auch eine Folge der Kommunikation mit anderen Menschen und der Gesellschaft. Das „radikale Böse“ ist nach Kant „in unserer Natur verankert“. Der Mensch habe einen „Hang zum Bösen“. Die Menschen würden von Natur aus dem Bösen zuneigen und gleichwohl einen freien Willen haben. Für die Verwirklichung oder Umsetzung des Bösen seien jedoch andere Menschen erforderlich. Die Gegenwart von anderen bringt das Böse in die Welt. Kant führt dies wie folgt aus:

„Der Neid, die Herrschsucht, die Habsucht und die damit verbundenen feindseligen Neigungen bestürmen alsbald seine an sich genügsame Natur, wenn er unter Menschen ist.“ (Kant 1793).

Die Manifestation des Bösen geschehe immer dann, wenn Menschen in Gruppen zusammenkommen. Kant spricht davon, dass sich die Menschen „wechselseitig verderben und sich einander böse machen.“ (Kant 1793).

„Die Banalität des Bösen“ bei Hannah Arendt und deren Kritik

Fast zweihundert Jahre nach Immanuel Kant hat sich eine moderne Philosophin mit dessen Ideen und mit den spezifischen Mordbedingungen des 20. Jahrhunderts auseinandergesetzt: Hannah Arendt. Für sie waren die Massenmorde in Auschwitz und im Holocaust, sowie der Eichmann-Prozess in Jerusalem der Ausgangspunkt. Hannah Arendt erlebte den Massenmörder Adolf Eichmann als eine wenig beeindruckende Gestalt, dem das Monströse und Dämonische eines Massenmörders zu fehlen schien.  Sie verhöhnte ihn sogar als „einen Hanswurst“. Was Hannah Arendt überraschte, waren die industriell geplanten Massenmorde in den Konzentrationslagern, die leidenschaftslos und affektarm vollzogen wurden. Konzentrationslager wie Auschwitz waren für sie wie Vernichtungsfabriken, in denen die dort Tätigen Befehle ausführten und ihr Handwerk erledigten. Sie sprach deshalb von der „Banalität des Bösen“ (Arendt 1964). Diese Formulierung hat ihr in Israel und bei Juden anderer Länder herbe Kritik eingebracht. Sie erlebten diese Formulierung als Verharmlosung des Holocaust.

Das Böse in uns

Immer wenn ein Mensch einen Mord begeht, stellen sich andere Menschen die Frage, wie er dazu geworden ist. Wiederholt wurde die Frage diskutiert, ob es so etwas wie ein „Mörder-Gen“ gibt, in dem der „Hang zum Bösen“ begründet liegt. Der Sozialpsychologe Harald Welzer veröffentlichte ein Buch mit dem Titel: „Täter. Wie aus ganz normalen Menschen Massenmörder werden“ (Welzer 2005). Darin vertritt er die These, dass jeder zum Mörder werden kann, wenn entsprechende Situationen und kollektive Faktoren dies massiv fördern oder erzwingen. Diese Auffassung vertreten auch viele forensische Psychiater, die jeweils vor Gerichten psychiatrische Gutachten über Mörder verfassen. Die renommierte Forensikerin Nahlah Saimeh gab folglich einem ihrer Bücher sogar den Titel „Jeder kann zum Mörder werden“ (Saimeh 2012). Diese Mörder-Perspektive sieht das Böse innen – also das Böse in uns. Sei es der „Hang zum Bösen“ (Kant) oder seien es die Gene, der Mörder wird in dieser Deutung von inneren Triebkräften angetrieben. Lukas Bärfuss erweitert diese Sichtweise durch einen intersubjektiven Erklärungsversuch: das Böse ist nicht nur in uns, sondern vor allem zwischen uns.   

„Das Böse ist zwischen uns“ (Lukas Bärfuss)

In den Dramen und Romanen von Lukas Bärfuss sind Mord und Selbstmord häufige Themen. Im Theaterstück „Vier Bilder der Liebe“ ermordet die betrogene Malerin Susan ihren Mann. Im Drama „Meienbergs Tod“ und im Roman „Koala“ kommt es zum Suizid der Hauptpersonen. In seinem neuesten Essay-Band „Krieg und Liebe“ aus dem Jahre 2018 sieht Lukas Bärfuss den Krieg und die Liebe als wesentliche existenzielle Phänomene des Menschen. Seinen Essay-Band kommentiert er mit den Worten: „Ich habe die Liebe im Krieg und im Krieg die Liebe gesucht“. (Bärfuss 2018). In einem Interview stellte er die Frage nach der Herkunft des Bösen. Hierzu gab er die Antwort:

„Ich glaube nicht, dass in uns etwas hockt, das böse ist. Ich glaube, das Böse entsteht tatsächlich außerhalb von uns selbst, in der Auseinandersetzung mit der Welt und mit den anderen Menschen. Der Mensch in der totalen Isolation hat das Böse nicht in sich.“ … „Ich glaube, es ist nicht in uns, es ist zwischen uns, irgendetwas, das zwischen Menschen geschieht. Und die Untersuchung dieses Dazwischen, das hat nicht aufgehört, meine Faszination in Gang zu setzen.“ (Bärfuss & Zetzsche 2019).

„Büchner hat mein Leben verändert“

In den beiden ersten Jahrzehnten seines Lebens spielte für Lukas Bärfuss große Literatur gar keine Rolle. Er stammt aus einer chaotischen Familie, hat die Schule abgebrochen und früh das Elternhaus verlassen, lebte eine Zeitlang auf der Straße als Obdachloser, hatte Gelegenheitsjobs als Tabakbauer, Eisenleger, Gärtner und Gabelstapel-Fahrer. Bärfuss beschrieb sich selbst als „unausstehliches Miststück, ohne elterliche Kontrolle, verwildert, aufsässig und allergisch gegen jegliche Autorität.“  (zit. n. Valeria Heintges 2015). Er kann daher als „Rebell“ charakterisiert werden (Csef 2019). Als er sich im jungen Erwachsenenalter der Literatur widmete, stieß er bald auf Georg Büchner und war von seinem Werk fasziniert. Das Drama „Dantons Tod“ war für ihn eine erste intensive Auseinandersetzung mit Massenmorden und habe sein Leben verändert. In ihrem Sprachduktus und Erzählstil haben Bärfuss und Büchner große Gemeinsamkeiten. Georg Büchner war sprachlich sein großes Vorbild. Die Büchner-Preis-Jury lobte bei Bärfuss seine „distinkte und dennoch rätselhafte Bildersprache“, die „karg, klar und trennscharf“ sei. Diese Attribute treffen auch auf das Sprachgenie Georg Büchner zu, der leider bereits mit 23 Jahren starb und nur wenige Jahre Zeit hatte, seine geniale Literatur zu schaffen, die heute noch die Menschen bewegt.

Literatur:

Arendt, Hannah (1964) Eichmann in Jerusalem. Die Banalität des Bösen. Piper, München, 14. Aufl. 1986

Arendt, Hannah (2006) Über das Böse. Eine Vorlesung zu Fragen der Ethik. München

Bärfuss, Lukas (2002) Vier Bilder der Liebe. Uraufführung Schauspielhaus Bochum, Kammerspiele

Bärfuss, Lukas (2001) Meienbergs Tod. Groteske. Theater Basel

Bärfuss, Lukas (2014) Koala. Roman. Wallstein, Göttingen

Bärfuss, Lukas (2018) Krieg und Liebe. Essays. Wallstein, Göttingen

Bärfuss, Lukas (2019) Dankesrede zum Büchnerpreis: Fäden zu einem Massengrab. FAZ vom 4.11.2019

Bärfuss, Lukas & Zetzsche, Cornelia (2019) „Ich musste mir meine Biografie selbst zusammenschustern“. Interview. BR 24 vom 2.11.2019

Büchner, Georg (1835) Dantons Tod. Reclam, Stuttgart 2002

Büchner, Georg (1879) Woyzeck. Soziales Drama. Uraufführung Residenztheater München am 8. November 1913

Csef, Herbert (2019) Der Rebell. – Lukas Bärfuss erhält den Georg-Büchner-Preis. Tabularasamagazin. 22. Juli 2019

Csef, Herbert (2019) „Jeder meiner Fäden führt zu einem Massengrab.“ – Die Büchner-Preisrede von Lukas Bärfuss. Tabularasamagazin vom 20. November 2019

Csef, Herbert (2020) „Man wurde mit einem Selbstmörder nicht fertig, niemals.“ Lukas Bärfuss‘ Auseinandersetzung mit dem Suizid seines Bruders. Suizidprophylaxe 2020

Heintges, Valeria (2015) Die Ohrfeige des Schriftstellers. St. Galler Tagblatt vom 17.6.2015

Kant, Immanuel (1793) Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft. In: ders., Werke in sechs Bänden. Hrsg. Wilhelm Weischedel. Darmstadt

Saimeh, Nahlah (2012) Jeder kann zum Mörder werden. Wahre Fälle einer forensischen Psychiaterin. Piper, München

Welzer, Harald & Michaela Christ (2005) Täter. Wie aus ganz normalen Menschen Massenmörder werden. S. Fischer, Frankfurt/Main

Korrespondenzadresse:

Professor Dr. med. H. Csef    

Schwerpunktleiter Psychosomatische Medizin und Psychotherapie

Zentrum für Innere Medizin

Medizinische Klinik und Poliklinik II

Oberdürrbacher Straße 6

97080 Würzburg

E-Mail-Adresse: Csef_H@ukw.de

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Über Herbert Csef 44 Artikel
Prof. Dr. Herbert Csef, geb. 1951, Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Psychoanalytiker. Studium der Psychologie und Humanmedizin an der Universität Würzburg, 1987 Habilitation. Seit 1988 Professor für Psychosomatik an der Universität Würzburg und Leiter des Schwerpunktes Psychosomatische Medizin und Psychotherapie an der Medizinischen Klinik und Poliklinik II des Universitätsklinikums. Seit 2009 zusätzlich Leiter der Interdisziplinären Psychosomatischen Tagesklinik des Universitätsklinikums. Seit 2013 Vorstandsmitglied der Dr.-Gerhardt-Nissen-Stiftung und Vorsitzender im Kuratorium für den Forschungspreis „Psychotherapie in der Medizin“. Viele Texte zur Literatur.