Kan ist das Abgründige: Über das interkulturelle Verhältnis zu China

Europafahne in Wien, Foto: Stefan Groß

Aus der Begegnung mit der Volksrepublik China erwachsen objektive Gefahren. Europa darf in der Auseinandersetzung mit China nicht selbst sich schwächen. Europäische Werthaltungen sollen nicht aufgegeben werden. Es ist die Europäische Union, die nach einem vorbildlichen Einigungsprozess den Anspruch auf globale Führung vortragen muss.

Im I Ging, dem Buch der Wandlungen, wird das Abgründige als ein Wasser gezeigt, das durch eine Schlucht geführt wird. Es ist eine Situation, die als eine objektive Gefahr gilt. Man soll aus der Bedrohung kommen, indem man sich verhält wie das Wasser. Der berühmte Sinologe Richard Wilhelm übersetzte die Empfehlung:

„Das Wasser gibt das Beispiel für das rechte Verhalten in solchen Zuständen. Es fließt immer weiter und füllt alle Stellen, durch die es fließt, eben nur aus (…) und verliert durch nichts seine wesentliche eigne Art“. (I Ging, 29. Kan, Übersetzung von Richard Wilhelm).

Das interkulturelle Verhältnis Europas zu China ist vergleichbar mit dem Abgründigen. Aus der Begegnung mit der Volksrepublik China erwachsen objektive Gefahren. Man sollte das Verhältnis nicht überfüllen. Doch der Westen schenkte China in den vergangenen Jahren ein Übermaß: An Möglichkeiten für die Wirtschaft, für die Expansionspolitik, für die internationale Geltung, an Technologien und Know-how, an Teilnahme in Forschungsprojekten und an Ausbildung. China soll einen neuen Status erreichen, durch die Finanzierung des Westens.

Das Buch der Wandlungen, das in China als grundlegend gilt, würde eine andere Form des Verhaltens empfehlen. In der 5. Linie von Kan steht:

„Der Abgrund wird nicht überfüllt, er wird nur bis zum Rand gefüllt. Die Gefahr entsteht daraus, dass man zu hoch hinaus will. Das Wasser in der Schlucht häuft sich nicht auf, sondern geht nur bis an den niedersten Rand, um herauszukommen“ (I Ging, 29. Kan, Linie 5, Übersetzung von Richard Wilhelm).


Europäische Werte behalten

Auch chinesische Anschauungen erfuhren eine zu hohe Wertschätzung im Westen. Die Orientierungen der Chinesen müssen oft kritisch betrachtet werden. Die Vorstellungen der Chinesen entsprechen nicht den europäischen Werthaltungen. Europa sollte achten, „durch nichts seine wesentliche, eigne Art zu verlieren“.

Schon in den siebziger Jahren brachte der Chinese Jolan Chang fremde Ideen in den Westen. Jolan Chang wurde insbesondere bekannt, weil er in der Erzählung „A Smile in the Mind‘s Eye“ von Lawrence Durrell beschrieben wurde.

Der britische Autor Lawrence Durrell („Das Alexandria-Quartett“) war mehrfach im Gespräch für die Ehrung durch den Literaturnobelpreis. Durrell war interessiert an den spirituellen Traditionen der tibetischen Kultur. Er war in Kontakt mit einer tibetischen Enklave, die nach der Okkupation Tibets durch die Volksrepublik China in Südfrankreich sich ansiedelte. In einem Kapitel von „A Smile in the Mind’s Eye“ beschreibt er seinen Besuch in dieser spirituellen Gemeinschaft, die er als Dharma wahrnahm.

Zu diesem Zeitpunkt kam Lawrence Durrell auch in Kontakt mit Jolan Chang. Der Chinese besuchte Durrell in seinem Haus in der Provence. Er erzählte Durrell von den Lehren des Tao und zeigte ihm die Bewegungsform des Taiji. Damals waren diese Ansätze in Europa kaum bekannt. Jolan Chang stand am Beginn dieser Auseinandersetzung. Lawrence Durrell versuchte deshalb, eine Annäherung zu vermitteln.

Jolan Chang veröffentlichte Bücher über das „Tao der Paarbeziehung“, die Aufmerksamkeit im Westen erzielten. Seine Vorstellungen über Promiskuität in der Paarbeziehung entsprechen der chinesischen Praxis und nicht der europäischen Haltung. Solche Anschauungen dürfen keinesfalls unkritisch übernommen werden und sind mit Vorsicht zu betrachten. Lawrence Durrell dürfte dies ähnlich empfunden haben, denn im Folgekapitel beschreibt er die lyrische Beziehung von Dante zu Beatrice.

Auch Carl Gustav Jung betonte in einem Gespräch mit dem Sinologen Richard Wilhelm, dass europäische Einstellungen nicht aufgegeben werden sollen. Es dürfe demnach durch die Berührung mit der chinesischen Kultur keine Irritation der Persönlichkeit erfolgen.

In Europa dürfte dies Anfang der siebziger Jahre noch bezüglich mehrerer chinesischer Bereiche bewusst gewesen sein. Inzwischen scheint dieses Bewusstsein weitgehend verloren gegangen.

Die Bücher von Jolan Chang sind ein Beispiel, das zeigen soll, dass die Europäer ihre Identität und ihre Werthaltungen in der Begegnung mit chinesischen Ideen keinesfalls aufgeben dürfen: „Das Wasser verliert durch nichts seine wesentliche eigne Art“.

Kriegerkultur statt Mönchsleben

Ein weiteres Beispiel für eine fremde Geisteshaltung, die durch China gezielt in Europa vorgestellt wurde, sind die Shaolin. In den neunziger Jahren begannen die Shaolin, durch europäische Städte zu ziehen und Kampfspektakel in Bühnenvorstellungen zu zeigen. Sie faszinierten das Publikum mit Techniken, die nach den Paradigmen des vorherrschenden Wissenschaftsbegriffs in der Nähe von unerklärlichen Phänomenen angesiedelt sind.

Auch für eine solche Faszination gibt das I Ging im Zeichen „Das Abgründige“ eine Empfehlung:

„In solcher Gefahr halte zunächst inne, 
sonst kommst du im Abgrund in ein Loch.“

(I Ging, 29. Kan, Linie 3, Übersetzung von Richard Wilhelm)

Die Shaolin nennen sich Mönche. Tatsächlich sind die Shaolin aber Krieger. Sie wohnen auch nicht in Klöstern, sondern in einer Art von Kasernen, wo täglich in den Höfen derselbe Drill stattfindet. Als Ausbildung für den Kampfeinsatz.

Die Shaolin dürfen nicht als vorbildliche Persönlichkeiten betrachtet werden, die durch ihre herausragenden Charaktereigenschaften solche Kampftechniken beherrschen. Eine solche Auffassung durch den Westen, der einen Vergleich mit anderen spirituellen Kulturen dabei unreflektiert herstellt, ist ein schwerwiegender Irrtum.

Die Shaolin sollen alle anderen Bedürfnisse aufgeben, um ganz dem Kampf sich zu widmen. Bei der Durchführung ihrer Übungen wird das Denken verboten, sie sollen unter dem Begriff des „wu wei“ ihre Person vergessen. Damit werden die Shaolin in einer Art der Nicht -Existenz gehalten, die für sie den Unterschied zwischen Tod und Nicht-Tod unwichtig macht, da Existenz nicht mehr wahrgenommen wird. Die Shaolin sind damit noch nicht Mönche in einem spirituellen Sinn, wie man es in der europäischen Tradition definieren würde. In Europa soll der Individuationsprozess zu einem höheren Selbst führen.


China ist ein Problemland

Hier 5 Argumente, weshalb China keinesfalls die „neue Supermacht“ ist:

1. Okkupation von Nachbarländern

Rund ein Drittel der Fläche Chinas ist okkupiertes Land, auf das Tibet und die Uiguren Anspruch haben.

2. Probleme durch Bevölkerungszuwachs

Die Volksrepublik China bekommt den Bevölkerungszuwachs nicht unter Kontrolle, auch wenn die chinesische Propaganda über Jahre das Gegenteil behauptete. Ein Anstieg von fast 40 Prozent innerhalb von 35 Jahren. Wurde 1982 erstmals die Anzahl von 1 Milliarde überschritten, so gibt es 2017 rund 1,38 Milliarden Chinesen in der Volksrepublik. Die Auslandschinesen sind in dieser Statistik noch nicht berücksichtigt, die teilweise auch asiatische Nachbarländer überfluten.

3. Geringe Qualifikation

Das Problem der Wanderarbeiter in der Volksrepublik China, auf 300 Millionen wird die Zahl geschätzt. Sie leben auf der Straße. Mindestens 90 Prozent der Chinesen verfügen nur über geringe Qualifikationen. Es wird geschätzt, dass 80 Prozent der erwerbstätigen Bevölkerung in der Landwirtschaft arbeitet.

4. Umweltverschmutzung und Ausbeutung

China bekommt die Umweltverschmutzung nicht in den Griff. Starke Luftverschmutzung in den Städten, verseuchte Böden in der Landwirtschaft. Nach Schätzungen sind rund 70 Prozent des chinesischen Bodens belastet. China beutete die natürlichen Ressourcen skrupellos aus und wird dramatisch mit den Konsequenzen des Raubbaus konfrontiert.

5. Verletzte Menschenrechte

Menschenrechte entsprechen nicht der chinesischen Philosophie. Zuletzt wurden insbesondere die Mitglieder der Falun Gong ein Opfer der Verfolgung. 1 Million Mitglieder der Falun Gong wurden innerhalb von 2 Nächten verhaftet. Sie kamen in chinesische Konzentrationslager, wo nach Hinrichtungen die Organe der Opfer an den internationalen Organhandel verkauft wurden. Der kanadische Staatssekretär David Kilgour und der Menschenrechtsanwalt David Matas legten bereits 2007 eine Studie vor, die davon berichtet.

Die chinesische Propaganda bezeichnete die Falun Gong als eine Sekte, um das brutale Vorgehen zu rechtfertigen. Tatsächlich wollten die Falun Gong aber einen buddhistischen Ansatz stärker berücksichtigen, der mit traditionellen chinesischen Techniken wie Qi Gong verknüpft wird. Nach europäischer Definition wären nicht die Falun Gong als Sekte zu bezeichnen, vielmehr die manischen Kämper der Shaolin, die von der Volksrepublik China eingesetzt werden.

Ausbeutung durch China

Wenn die Volksrepublik China den höchsten Energieverbrauch aller Länder der Welt vorweist, so macht diese Zahl das Land noch nicht zur Supermacht. Eine solche Interpretation verzichtet auf die Analyse der Zusammenhänge. China ist nach BP Statistical Review of World Energy für 23 Prozent des weltweiten Energieverbrauchs verantwortlich, die USA liegen mit 17 Prozent an zweiter Stelle.

Der hohe Energieverbrauch ist aber nicht als ein positiver Wert, für die Bedeutung der Volksrepublik China zu beurteilen. Ganz im Gegenteil. Es sind rückständige Industrien dafür verantwortlich. Und es werden Billigprodukte erzeugt, die keine Nachhaltigkeit vorweisen. Die Wegwerfprodukte aus China sind eine unnötige Rohstoffverschwendung, die den ganzen Globus belasten. Auch in anderen Kontinenten, insbesondere in Afrika, werden dafür Rohstoffe rücksichtslos ausgebeutet und in die Volksrepublik China gebracht. Wie schon vor Jahrzehnten die Wälder in Tibet abgeholzt wurden. Die Rohstoffe aus Tibet wurden in langen Lastwagenkolonnen in das chinesische Gebiet gebracht.

Die Volksrepublik China betreibt Expansion, um damit die Probleme im eigenen Land zu bewältigen, die die Führung des Landes nicht mehr in den Griff bekommt. In letzter Konsequenz muss China dafür auch als Aggressor auftreten und bereitet sich auf solche Auseinandersetzungen auch vor.

Es ist bekannt, dass China bestrebt ist, Fachkenntnisse aus dem Westen zu übernehmen, auch auf illegalen Wegen. Das ist ein Know-how-Transfer, den Europa nicht zulassen darf. Die Problematik, die dabei deutsche Unternehmen in der Zusammenarbeit mit China erfahren, beschrieb bereits Jürgen Bertram in seinem Buch „Die China-Falle“, das 2009 erschien.


Europa braucht Stärke

Es geht aktuell die Rede, dass China die „neue Supermacht“ wird. Tatsächlich kann es für Europa aber nur um die Frage gehen, welche Maßnahmen gesetzt werden müssen, um den Vorsprung des Westens in einer gefährlichen globalen Auseinandersetzung zu erhalten.

Europa soll sich in der Auseinandersetzung mit China nicht selbst schwächen. Beispielsweise durch die Verletzung von Grundrechten, die die Basis für stabile Verhältnisse sind und damit wirtschaftliche und kulturelle Blüte erlauben. Sie sind auch die Grundlage für globale Herausforderungen.

Die Konzentration muss auf europäische Werthaltungen gerichtet sein, die leicht an die aktuellen Erfordernisse unserer Epoche angepasst werden. Die europäische Haltung soll nicht aufgegeben werden, um zu China überzulaufen.

Sollten die USA tatsächlich, wie es behauptet wird, mit inneren Problemen konfrontiert sein, die die Führungsrolle in Frage stellen, so ist es fraglos die Europäische Union, die nach einem vorbildlichen Einigungsprozess, den Anspruch auf globale Führung beweisen muss.