Lichte Momente – Der neue Roman von David Wagner

David Wagner DER VERGESSLICHE RIESE

Ziemlich spät, aber der Name des Ich-Erzählers fällt dann doch noch gegen Ende der 9 Kapitel dieser wahrlich anrührenden, jedoch stets wahrhaftig bleibenden, nie rührseligen Geschichte: David. Der Autor, gebürtig aus Andernach, Jahrgang 1971, ist es selbst, der von sich und seinem an Demenz erkrankten 71-jährigen Vater erzählt.

Lesestück 1:

„Wohin fahren wir?“, fragt mein Vater, als ich zurücksetze und wende. „Nach Würzburg, Papa.“ „Nach Würzburg? Zum Norbert?“ „Ja, zu seiner Beerdigung. Zur Beerdigung deines Bruders.“ „Was, der Herr Graf ist tot?“ „Weißt du doch.“ „Stimmt, er war krank.“ Wir sind schon auf der Autobahn, Lastwagen hinter Lastwagen auf der rechten Spur, es schüttet. Ich versuche, das Radio anzustellen, es geht nicht. „Wann bist du gekommen, Freund? Du warst doch gestern noch nicht da?“ „Heute Nacht, um kurz vor eins. Wir haben uns noch gesehen. Du hast plötzlich im Nachthemd im Flur gestanden. Wahrscheinlich hast du gedacht, ich wäre ein Einbrecher.“ „Warum so spät?“ „Weil ich erst um halb elf in Schönefeld losgeflogen bin. Am Nachmittag bin ich noch mit Martha im Stadion gewesen.“ „Und wie bist du nach Meckenheim gekommen?“ „Mit dem Flughafenbus zum Hauptbahnhof, dann ein Taxi. Und der Hausschlüssel lag im Briefkasten, wie ausgemacht.“ „Das hatten wir ausgemacht?“ „Nein, Miriam hatte mit Margareta gesprochen, und sie hat ihn dort deponiert.“ „Schon wieder eine Beerdigung.“ Er seufzt. „Wieso schon wieder?“ „Meine Schwester Linde ist doch gestorben.“ „Das war vor sechs oder sieben Jahren, Papa.“ 

Immer stärker knüpft David Wagner das Band zum vergesslich gewordenen „Riesen“, dem mehr und mehr entgleitet, was eben noch passierte. So oft und so intensiv wie in dieser Situation waren sich beide Männer nie nah. Der gut situierte, zwischen Berlin und Bonn zum Leidwesen seiner 18-jährigen Tochter per Flugzeug reisende Sohn bugsiert in Absprache mit den zwei Schwestern den Vater aus dessen „Glaspalast“ mit Garten in ein ausgesucht schickes Pflegeheim mit Blick auf Burg Drachenfels am Rhein. Liebevoll nennt der Vater, noch immer charmant, agil, einst erfolgreicher Volkswirtschaftler, seinen einzigen Sohn David „Freund“. Im Mietwagen lässt er sich von ihm an rheinische Orte ihrer beider Vergangenheit chauffieren.

Lesestück 2:

„Schön ist es hier. Ich muss mal mit der Dings herkommen. Wie heißt sie noch mal?“ Seine Stimme ist die von früher, sie hat sich kaum verändert. Sie klingt noch immer so, als sage er nur kluge Sachen. Früher, im seltsamen Früher, wo liegt dieses geheimnisvolle Land, wusste er alles. Er war der Riese, auf den ich klettern konnte, er war der Größte. „Ja, mach das“, sage ich und komme mir, noch während ich es sage, gleich wieder schäbig vor. „Möchtest du vielleicht nach Berlin ziehen, Papa?“ „Nach Berlin? Was soll ich denn da?“ „Hanna und ich wohnen doch dort. Oder möchtest du nach Hamburg, zu Vivienne? Oder zu Miriam nach München?“ …  „Wo möchtest du wohnen?“ „Ich möchte gar nicht umziehen. Ich möchte hier bleiben.“ „Am Laacher See? Im Wohnwagen?“ „Haben wir den Wohnwagen noch? Steht er hier?“ „Nein, aber wenn du möchtest, könnten wir dir einen kaufen.“ „Wo war der eigentlich her? Wir haben doch nie Campingurlaub gemacht, oder?“ „Nein, du hast immer nur teure Ferienhäuser gemietet …“ „Stimmt, Claire wollte sich nicht auf die Wiese legen. Jetzt fällt es mir wieder ein.“ 

Der Leser lässt sich von Wagners dialogreich-dynamischer Erzählweise mit dem Gespür für reale Stichhaltigkeit, aber auch mit viel Humor, Poesie und einen Schuss menschlicher Wärme in eine schon lange nicht mehr romanhaft gewordene Gegend Deutschlands führen. Dabei thematisiert er Phänomen und Problematik der den Menschen unserer Zeit geradezu kennzeichnenden Demenz und taucht unmerklich in eine weit verzweigte Familien- wie in ein Stück deutsche Zeitgeschichte ein, gespiegelt in den brüchigen Erinnerungen des alten Herrn, des in Bestverhältnissen lebenden zweifachen Witwers, der nicht einmal mehr die erst kürzlich verstorbene zweite Ehefrau erinnert, aber noch etliche „lichte Momente“ hat. – David Wagner, vielfach ausgezeichnet, erhielt für dieses Buch 2019 den Bayerischen Buchpreis. In der Tat: ein unvergesslicher Roman.                  

David Wagner: Der vergessliche Riese. Roman. 269 Seiten, 22 Euro, Rowohlt Verlag Hamburg 2019                                                               

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Hans Gärtner
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Prof. Dr. Hans Gärtner, Heimat I: Böhmen (Reichenberg, 1939), Heimat II: Brandenburg (nach Vertreibung, `45 – `48), Heimat III: Südostbayern (nach Flucht, seit `48), Abi in Freising, Studium I (Lehrer, 5 J. Schuldienst), Wiss. Ass. (PH München), Studium II (Päd., Psych., Theo., German., LMU, Dr. phil. `70), PH-Dozent, Univ.-Prof. (seit `80) für Grundschul-Päd., Lehrstuhl Kath. Univ. Eichstätt (bis `97). Publikationen: Schul- u. Fachbücher (Leseerziehung), Kulturgeschichtliche Monographien, Essays, Kindertexte, Feuilletons.