Ulrich Pagel: Der Einzige und die deutsche Ideologie.

Transformationen des aufklärerischen Diskurses im Vormärz

Bibliothek, Prag. Bild von izoca auf Pixabay

Ulrich Pagel: Der Einzige und die deutsche Ideologie. Transformationen des aufklärerischen Diskurses im Vormärz, De Gruyter, Berlin/Boston 2020, ISBN: 978-3-11-061827-3, 99,95 EURO (D)

Dies ist die Endfassung der erfolgreichen Dissertation von Ulrich Pagel, die an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg im Fachbereich Politikwissenschaft im Jahre 2015 eingereicht wurde. Lange herrschte Auffassung vor, dass für die Konzipierung der materialistischen Geschichtsauffassung und die Ideologiekritik bei Marx und Engels vor allem die Auseinandersetzung mit dem Denken Ludwig Feuerbachs ausschlaggebend gewesen sei. Pagel weist in seinem Werk eindrücklich nach, dass jedoch die inhaltliche Auseinandersetzung mit Max Stirners Hauptwerk Der Einzige und sein Eigentum“  für die Konzipierung des Ansatzes von Marx und Engels in dem Manuskriptkonvolut „Die deutsche Ideologie“ entscheidend war.

„Der Einzige und sein Eigentum“ war die wichtigste Schrift des individuellen Anarchisten Max Stirner aus dem Jahre 1844. 

Die Schrift entstand aus den oft heftigen Diskussionen, die in den Jahren 1841–44 in dem Berliner Debattierclub Die Freien geführt wurden. Hauptthemen waren, neben den aktuellen politischen Ereignissen, die jeweils neuesten philosophischen Schriften von Ludwig Feuerbach und Bruno Bauer, die nach Kant, Fichte und Hegel – erstmals in Deutschland – eine radikal atheistische Aufklärung und eine Philosophie der Tat begründen wollten.

Das Manuskriptkonvolut „Die deutsche Ideologie“ wurde in den Jahren 1845–1846 hauptsächlich von Karl Marx und in Teilen von Friedrich Engels und zeitweilig auch von Moses Hess, Joseph Weydemeyer und Roland Daniels verfasst, damals aber nur zu einem geringen Teil veröffentlicht. Zusammen mit den 1845 von Marx verfassten, ebenfalls zu Lebzeiten unveröffentlichten „Thesen über Feuerbach“ gilt die Schriftals Schlüsselwerk des Historischen Materialismus.

Anhand der Erschließung der relevanten Texte aus ihrem zeitlichen Hintergrund beantwortet Pagel die Frage, warum Marx und Engels dem Ansatz so viel Beachtung schenkten, dass sie der Auseinandersetzung mit ihm fast 430 Manuskriptseiten zur „Deutschen Ideologie“ widmeten.

Die Manuskripte zur „Deutschen Ideologie“ und vor allem die Kritik Stirners stellen die Kulmination der deutschen Spätaufklärung dar, deren verschiedene Etappen sich am Wechsel der verschiedenen Formen argumentativer Evidenz ablesen lassen, denen zu unterschiedlichen Zeitpunkten das Primat in der Bestimmung des Bewusstseins nachgewiesen werden sollte. Stirner ging Marx und Engels in der Emanzipation von den beiden Denkern der jungehegelianischen Phase der deutschen Spätaufklärung, Bruno Bauer und Ludwig Feuerbach, voran. Innerhalb der deutschen Spätaufklärung war es Stirner, der die Philosophie erstmals nur als vermeintliches Vehikel zur Realisation der aufklärerischen Hoffnungen auf gesellschaftliche Emanzipation betrachtete, das zu einer Verstetigung der gesellschaftlichen Zustände und nicht zu ihrer Aufhebung führen werde. Einen sowohl von Bauer als auch von Feuerbach unabhängigen Ansatz entwickelten Marx und Engels erst, nachdem sie den eigenständigen Ansatz Stirners rezipiert hatten. 

Die Gründe für das Ausmaß der kritischen Aufmerksamkeit, die Marx und Engels Stirner gewidmet haben, waren vielschichtig. Erstens war Stirner nicht nur der erste, der eine Kritik Feuerbachs formulierte, sondern er entwickelte darüber hinaus auch als erster einen aufklärerischen Diskurs außerhalb des traditionellen philosophischen Referenzrahmens. So war Stirner Marx und Engels in entscheidenden Aspekten ihrer Weiterentwicklung des aufklärerischen Diskurses zuvorgekommen. Zweitens war dies der Anspruch sowohl von Stirner als auch von Marx, die für die aufklärerische Agitation elementare Generierung von Überzeugungsleistungen auf einem neuen argumentativen Fundament zu gründen

Marx und Engels setzten zur Desavouierung Stirners einen zweifachen Rekurs auf die philosophische und erfahrungswissenschaftliche Form der Evidenzproduktion ein. Dies blieb nicht ohne Folgen für ihren eigenen Ansatz. Sie entschieden sich für eine arbeitsteilige Inanspruchnahme der beiden Ressourcen argumentativer Evidenzerfahrungen. Die bedeutendsten inhaltlichen Ergebnisse des über ein halbes Jahr betriebenen Kritik Stirners für die Entwicklung des eigenen Ansatzes waren die Konzipierung der Begriffe „Ideologie“ und „Kleinbürger“. Nach der Auseinandersetzung hatten Marx und Engels die Grundlage geschaffen, um das emanzipative Projekt der Aufklärung unter den Bedingungen des 19. Jahrhunderts fortzuführen und die Koordinierung eines kollektiven Handelns mit dem Ziel eines radikalen gesellschaftlichen Umsturzes zu gewährleisten. (S. 667)

Die Arbeit zeichnet sich detaillierte Betrachtung der Kritik an Stirner und die damit verbundene Entwicklung des eigenen Ansatzes unter Heranziehung der zeitgenössischen Quellen aus. Nun muss „Die deutsche Ideologie“ und ihr Entstehungshintergrund anders bewertet werden. 

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Michael Lausberg
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Dr. phil. Michael Lausberg, studierte Philosophie, Mittlere und Neuere Geschichte an den Universitäten Köln, Aachen und Amsterdam. Derzeit promoviert er sich mit dem Thema „Rechtsextremismus in Nordrhein-Westfalen 1946-1971“. Er schrieb u. a. Monographien zu Kurt Hahn, zu den Hugenotten, zu Bakunin und zu Kant. Zuletzt erschien „DDR 1946-1961“ im tecum-Verlag.