Von wegen halbszenisch!

Sopranistin Ines Bergk als katholische Königin Margarethe mit ihrem Angehimmelten Protestanten Raoul (Tenor Manuel Ried), Foto: Hans Gärtner

Das war schon mal gut: Auf Seite des 2 des diesmal auf Sparflamme  gedruckten Programm-Blättchens stellte Ensemble-Gründer Andreas Wiedermann die sieben singschauspielerisch überzeugend Aktiven seiner neuesten Regietat vor: Never, Urban, Marcel, Margarethe, Valentine, Raoul und „Saint-Bris“. So die Rollen der jungen Hochtalentierten, die Wiedermann für seine „halbszenische, gekürzte Produktion“, Giacomo Meyerbeers „Die Hugenotten“, auf die Apsis-Bühne der Allerheiligenhofkirche schickte. Allerdings fehlte bei der Premiere, gottlob, der Vorhang, vor dem sie auf dem Erklär-Foto posieren; denn in echt wird dieser durch die farbig divers ausleuchtbare halbrunde Backsteinziegelwand des strengen Klenze-Baus in dichter Nähe zum Nationaltheater ersetzt – eines der feinsten Theaterräume Münchens.

Dies sei, trotz einer Einschränkung, gesagt. Das Dutzend tüchtiger, flexibler Instrumentalisten, angefeuert und bei der Stange gehalten von Meyerbeer-Arrangeur und musikalischem Leiter Ernst Bartmann, bleibt, ins Links-Außen gerückt, in gewisser Weise Nebensache. Das hatte gerade an den heiklen Stellen der seit 30 Jahren in München fehlenden „Großen Oper in fünf Akten“, von 4 auf 2 Stunden „heruntergekürzt“, zu wackeligen Verständigungen zwischen Chor (namentlich wenn man ihn auf die rechte Empore schickte) und Solisten geführt. Retter Bartmann war da wohl nicht ganz glücklich.

Mit seinen Sänger*innen aber war er in bestem Kontakt, und das zahlte sich auch für die 140 zugelassenen, im Kirchenschiff sorgsam verteilten FFB-Maskierten aus. Sie erlebten hörend, sehend, mitleidend, das kompliziert-altbackene Deutsch des Scribe-Textes und seltsame Luftballon-Spiele ertragend ein Verwirrspiel, das hohe Aufmerksamkeit abverlangte: Minne, Eifer- und Rachsucht, religiöser Fanatismus zwischen den erzkatholisch Schwarz- und calvinistisch-protestantisch Weiß-Gekleideten, was zu phonstarker „guter“ Letzt in die Massaker-Blut-freie „Bartholomäus“-Nacht des 28. August 1572 führte. 

Halbszenisch? Von wegen! Schon die bildschönen Kostüme (Aylin Kaip) sprechen dagegen. Auch die perfekt agierenden Protagonisten, erst recht der grandiose Einfall des Regisseurs, die von der Oberammergauer Passion her bekannten „Lebenden Bilder“ einzusetzen – da hatte man doch genug „Szenerie“ Und alles ohne Krampf! Man sparte sich (hier schlecht mögliche) Um-Bauten und Schauplatzwechsel. Alles floss ineinander – und war zum allergrößten Teil – Ohrenschmaus. Dafür sorgten, die Männer weit hinter sich lassend (auch wenn der alte Haudegen Marcel alias Torsten Petsch mit „Ein feste Burg …“ noch so draufhaute und sich Raoul alias Manuel Ried respektabel schlug), die schönen Damen – vor allem die berückend singende Margarethe alias Ines Bergk und die nach all dem Gerangel und Gemetzel zum bis zum Tode herrlich singenden Opfer mutierte Valentine Dafne Boms.

Mit Opern „in hoher Qualität, besetzt mit durchwegs jungen Talenten“ an „ungewöhnlichen Orten“ will das Ensemble opera incognita überraschen – das ist mit dieser am 8., 9., 10, und 11. September wiederholten Produktion gelungen. Was man auch an den bereits fixen Terminen 17., 22. und 23. Oktober im Münchner „Shgar Mountain“, Helfenriederstraße 12 erreichen will,  mit Richard Wagners „Liebesverbot“. Tickets: Tel. 089/21837300. Info: www.opera-in-cognita.de.     

Über Hans Gärtner 363 Artikel
Prof. Dr. Hans Gärtner, Heimat I: Böhmen (Reichenberg, 1939), Heimat II: Brandenburg (nach Vertreibung, `45 – `48), Heimat III: Südostbayern (nach Flucht, seit `48), Abi in Freising, Studium I (Lehrer, 5 J. Schuldienst), Wiss. Ass. (PH München), Studium II (Päd., Psych., Theo., German., LMU, Dr. phil. `70), PH-Dozent, Univ.-Prof. (seit `80) für Grundschul-Päd., Lehrstuhl Kath. Univ. Eichstätt (bis `97). Publikationen: Schul- u. Fachbücher (Leseerziehung), Kulturgeschichtliche Monographien, Essays, Kindertexte, Feuilletons.