1938 – Warum wir heute genau hinschauen müssen

Jüdisches Denkmal in München, Foto: Stefan Groß

So lautet der Titel des Buches, welches Ende Oktober 2018 das Licht der Welt erblickt. Die Zahl „1938“ weckt verschiedenartige gedankliche Verknüpfungen, abhängig davon, ob man eher mit den Tätern oder mit den Opfern sympathisiert. Schwerer zu verstehen ist die zweite und längere Hälfte des Buchtitels: Warum wir heute genau hinschauen müssen?

Auf Anfrage erklärt eine Verlagssprecherin:

Den Titel haben wir gewählt, weil wir aufgrund des vielschichtigen Materials historischer Dokumente … sowie aktueller Texte und Sichtweisen eine Beziehung herstellen wollten zur aktuellen Entwicklung in unserer Gesellschaft.

Frage: Um welche aktuelle Entwicklung in unserer Gesellschaft handelt es sich?

Antwort: … gibt es auffällige Parallelen. Die aktuelle Entwicklung ist geprägt von einem Erstarken nationalistischer Bewegungen; wir verzeichnen einen deutlichen Rechtsruck, nicht nur national, sondern auch international.

Insbesondere Ungarn, Polen, Österreich, Italien, Russland, Brasilien und die USA werden genannt, Israel glücklicherweise nicht. Auch keine islamische Staaten, die keinen Rechtsruck begangen haben, da sie immer noch dort stehen, wo Allah sie hingestellt hat.

Antwort: Antisemitismus, Diskriminierung und eine Verrohung der Sprache begegnen uns im Alltag und immer häufiger in der Politik. Aus diesem Grund ist es wichtig, dass wir eindeutig Stellung beziehen gegen das, was nicht unseren demokratischen Grundwerten …

Antwort: Das Jahr 1938 markiert einen Wendepunkt in der Weltgeschichte … wenn das Ausland genau hingeschaut hätte, hätte sich vielleicht der größere Flächenbrand verhindern lassen. Wir sollten also genau hinschauen, damit wir nicht plötzlich in einem Alptraum aufwachen.

Antwort: Klaus von Dohnanyi schreibt in dem Vorwort zum Buch: „Der Zerfall der Demokratie war nämlich keine zwangsläufige Folge. In der westlichen Welt sind heute vergleichbare Entwicklungen nicht zu übersehen: Wachsende Zeichen der Unzufriedenheit, der Zukunftsängste und eine Demokratiemüdigkeit werden heute auch von den neuen Medien gefährlich genährt.“

Frage: Warum wird im Titel die Jahreszahl 1938 verwendet? Waren die Jahre von 1933 bis 1945 nicht alle gefährlich?

Die Antwort fehlt. Wahrscheinlich ist es heute einfacher, Briefe und persönliche Erlebnisse aus dem Jahr 1938 zu finden und zu publizieren, die vom heutigen Publikum auch gelesen und gekauft werden. Die Kriegsjahre sind momentan politisch inkorrekt und nicht verkaufsfördernd. Bis 1938 sind die allermeisten Deutschen – mit Ausnahme der Juden und einiger Kommunisten, die ebenfalls Juden sind – mit Hitler sehr zufrieden. Die meisten arischen Rotfrontkämpfer wechseln problemlos zur SA.

Fazit:

1938 ist kein gutes Jahr, von dem aus Schlussfolgerungen für die heutige Zukunft gezogen werden können. 1938 sind die Nazis bereits im 5. Jahr an der Macht in Berlin, während die AfD, die wahrscheinlich mit der nationalistischen Bewegung gemeint ist, die harten Oppositionsbänke genießt. 1938 ist nicht das Jahr der erstarkenden nationalistischen Bewegungen, denn diese finden mehrere Jahre zuvor statt (Hitler, Mussolini, Dollfuß/Schuschnigg). Zudem werden wir heutige Bürger von weitaus schlimmeren Problemen geplagt. Denn Antisemitismus, Diskriminierung und eine Verrohung der Sprache begleiten uns bereits seit Jahren, lange bevor in Ungarn, Polen, Österreich, Italien, Russland, Brasilien und in den USA ein Rechtsruck bemerkbar wird. Zudem muss angemerkt werden, dass der Antisemitismus aus Deutschland niemals verschwunden ist. Nur kurz nach dem Holocaust schweigt er schamhaft.

Die Parallelen zwischen 1938 und heute sind historisch falsch, jedoch politisch opportun. Klaus von Dohnanyi irrt: Wachsende Zeichen der Unzufriedenheit, der Zukunftsängste und eine Demokratiemüdigkeit werden heute vor allem von den etablierten Medien genährt. Sie verschweigen die Wahrheit aus politicalCorrectness.

Übrigens:

1938 kündigt sich der eliminatorische Antisemitismus an, der ohne die Eroberung des Ostens, wo die meisten Juden leben, also ohne Weltkrieg nicht vorstellbar ist. Ohne den vulgären gibt es keinen eliminatorischen Antisemitismus! Doch der eliminatorische Antisemitismus würde heute verpuffen, da die Juden im Gegensatz zu 1938 keine Staatenlose mehr sind, sondern im Judenstaat Israel eine gesicherte Heimat haben. Der Antisemitismus, der vulgäre, wie auch der eliminatorische, kommt nicht nur unter Nationalisten vor, sondern auch unter Kommunisten, Islamisten und Demokraten (s. Labour).

Nathan Warszawski
Über Nathan Warszawski 252 Artikel
Dr. Nathan Warszawski (geboren 1953) studierte Humanmedizin, Mathematik und Philosophie in Würzburg. Er arbeitet als Onkologe (Strahlentherapeut), gelegentlicher Schriftsteller und ehrenamtlicher jüdischer Vorsitzender der Christlich-Jüdischen Gesellschaft zu Aachen.