Bayreuther Festspiele – Lohengrin – in Blau und Rauch

Bayreuther Festspiele - Lohengrin - Quelle:Enrico Nawrath

Man lernt nicht aus. Diese alte Weisheit gilt erst recht für alte Bayreuther Festspielbesucher. Wie ist das Publikum auf dem Grünen Hügel – so der Lernzuwachs nach „Lohengrin IV“/`18 – doch unkritisch geworden. Der einhellige Jubel nach dem letzten Vorhang – Maestro Thielemann wäre, so sah es aus, am liebsten gar nicht vorgetreten, um die Ovationen, die keinem mehr gebührten als ihm, entgegenzunehmen – war unbeschreiblich laut und lang. In R. 27 brach eine junge Dame in gellende Schreie der Verzückung aus und vertrieb eine benachbarte Alt-Wagnerianrin. Eine Schweizerin, die dem Lernenden neben ihr von dessen Lieblings-„Lohengrin“ (Regie: Werner Herzog) in allen Details vorgeschwärmt hatte.

Gewiss doch: Musiker und Sängerensemble verdienen allerhöchsten Respekt. Aber mit der Bühne dieser Neuproduktion, mit der die Richard Wagner-Festspiele `18 eröffnet wurden, muss man als bei 33 Grad schwitzender Zuschauer erst mal fertigwerden. Nicht mit den multi-blauen bedrohlichen bis friedlichen Riesengemälden, dem spaßigen Elektro-Transformatoren-Gedöns in märchenhaft surrealistischen Gefilden und dem wunderlichen Blitzgezucke des Leipziger Star-Malers Neo Rauch (ohne Schülertheater-Schiebe-Teile ging es leider nicht ab, auch nicht ohne ein Klaustrophobie suggerierendesa Apricot-Brautgemach), sondern mit den Kostümen von Rauchs Gattin Rosa Loy: Sie verpasste den ganz in Delfter Barock-Manier Gekleideten (Chor und Brautjungfern, dicklich und volkstümlich) neckische Insektenflügel. Seine beide hängt Lohengrin Pjotr Beczala, der beherzt Roberto Alagna drei Wochen vor Endtermin ersetzte und einen wonnigen Gralsritter im Blaumann und Gelegenheits-Silberpanzer abgab, von Elsa enttäuscht an den Garderobehaken. Wie neckisch. Wie einfallsreich? Was bringen solche entomologischen Anspielungen außer Rätselratereien?

Die tragische Figur, das kommt in Yuval Sharons Kaum-Regie deutlich heraus, ist nicht Elsa (Anja Harteros, ungewöhnlich hart, ältlich, kein bisschen verhuscht oder gar geheimnisvoll), sondern Lohengrin. Der darf hier masochistisch sein neugierig` Weib kurz bevor er sich von seinem Un-Schwan (in Gestalt des Wagner-W) davonziehen lässt, an eine Starkstrom-Säule binden. Sie, tapfer und stark wie Ortrud (Waltraud Meier als giftige, zu wenig hintergründige Gegenspielerin mit bewundernswert erreichten Höhen) äußert ihre Zweifel grüblerisch. Dabei schaufelt sie sich selbst ihr Grab, indem sie wissen will, wer er ist, der „aus Glanz und Wonne“ daherkam. In seiner berückend und halb im Liegen gesungenen Grals-Erzählung erklärt sich dieser Parsifal-Sohn, der ganz Brabant elektrifizieren wollte. Bei dem leicht verblödeten König (Georg Zeppenfeld, stimmlich perfekt) und den willfährigen, unter Eberhard Friedrichs Mentorschaft gestylte Mannen ist das keine Kunst! Der Heerrufer Egils Silins, beachtlicher Bayreuth-Debütant, lässt sich – warum? – wie ein gemobbter Schüler herumschubsen. Graf Telramund (alias Tomasz Konieczny) stellt einen ziemlich belanglosen, jedoch scharf artikulierenden Ortrud-Genossen vor.
Christian Thielemanns Glanzleistung am Pult der ohne Frack spielenden verdeckten Graben-Mannschaft wird in Bayreuths „Lohengrin“-Chronik an allererster Stelle platziert werden. Da kann Peter Schneiders Dirigat des traumhaft-eisig schönen Herzog-„Lohengrin“ von 1987 ff. nicht annähernd ran. Die von Nietzsche gepriesene Bläue des traumwandlerisch erfühlten Vorspiels macht es allein nicht aus. Auch die Introduktion zum Schlussakt gelang dem Maestro, der seine Bayreuther Wagneroperndirigate mit diesem denkwürdigen Auftritt auf 10 komplettierte, triumphal. Er war es, der mit diesem musikalisch überwältigenden „Lohengrin“, der schönen Rauch-Bläue und Beczalas hehrer Ritter-Retter-Lichtgestalt, im Gedächtnis bleiben wird. Insofern hatte dem ins Johlen ausgebrochenen Publikum am Ende der erlebten Aufführung durchaus Recht zu geben.

Hans Gärtner
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Prof. Dr. Hans Gärtner, Heimat I: Böhmen (Reichenberg, 1939), Heimat II: Brandenburg (nach Vertreibung, `45 – `48), Heimat III: Südostbayern (nach Flucht, seit `48), Abi in Freising, Studium I (Lehrer, 5 J. Schuldienst), Wiss. Ass. (PH München), Studium II (Päd., Psych., Theo., German., LMU, Dr. phil. `70), PH-Dozent, Univ.-Prof. (seit `80) für Grundschul-Päd., Lehrstuhl Kath. Univ. Eichstätt (bis `97). Publikationen: Schul- u. Fachbücher (Leseerziehung), Kulturgeschichtliche Monographien, Essays, Kindertexte, Feuilletons.