Parteisoldat Egon Krenz und sein Leben

SED-Rentner in Dierhagen

sed ddr gdr mfs ostzone ostdeutschland stasi, Quelle: Gentle07, Pixabay License Freie kommerzielle Nutzung Kein Bildnachweis nötig

Man erinnert sich noch an das vor Glück strahlende Gesicht des SED-Funktionärs Egon Krenz, als er am 18. Oktober 1989 als Nachfolger Erich Honeckers zum SED-Generalsekretär ernannt worden war und sechs Tage später auch noch zum Staatsratsvorsitzenden. Sieben Wochen danach, am 6. Dezember 1989, wurde er aller seiner Ämter enthoben und schließlich von Gregor Gysi aus der SED/PDS ausgeschlossen.

So tief wie Egon Krenz fällt man selten! Geboren am 19. März 1937 als Sohn eines Schneiders in Kolberg/Hinterpommern, floh er mit seiner Mutter 1944 nach Damgarten/Vorpommern. Mit 16 Jahren wurde er 1953 FDJ-Mitglied und 1955 SED-Mitglied. Er besuchte 1953/57 das „Institut für Lehrerbildung“ in Putbus auf Rügen, wo er zum Unterstufenlehrer ausgebildet wurde. Von 1957 bis 1959 leistete er freiwilligen Militärdienst bei der NVA in Prora auf Rügen und wurde 1958 als NVA-Delegierter zum V. Parteitag in Ostberlin entsandt. Schon 1960 war er erster Sekretär der FDJ-Bezirksleitung in Rostock, im Jahr darauf wurde er Mitglied des FDJ-Zentralrats, zuständig für die studentische Jugend. Dass die SED ihn für höhere Aufgaben vorgesehen hatte, sieht man daran, dass sie ihn für die Jahre 1964/67 auf die KPdSU-Parteischule nach Moskau schickte, wo er, ohne Abitur, den Titel eines „Diplom-Gesellschaftswissenschaftlers“ erwarb. In den Jahre 1974/83 war er erster Sekretär des FDJ-Zentralrats. Als der Berufsjugendliche mit 46 Jahren ausschied, wurde er ins SED-Politbüro, dem höchsten Machtzentrum der Staatspartei, aufgenommen.

Wer wie Egon Krenz schon 1948 als „Thälmann-Pionier“ und dann fortwährend in höheren Positionen vom politischen Aberglauben des Marxismus-Leninismus infiziert wurde, hat ein gebrochenes Verhältnis zur Wirklichkeit. Da wird der NATO-Staat Bundesrepublik Deutschland zum Aufmarschgebiet für Invasionstruppen, die nur darauf lauern, bei günstiger Gelegenheit den „friedliebenden“ SED-Staat zu überfallen und die „sozialistischen Errungenschaften“ abzu-schaffen. Das gipfelt dann in der kruden Erkenntnis: Wäre 1961 die Mauer nicht gebaut worden, hätte es Krieg gegeben!

Solche verqueren Argumentationen durchziehen das Buch wie ein roter Faden. Im Alter von elf Jahren liest er begierig die SED-Schulungshefte, die im Damgartner „Haus der Einheit“ kostenlos ausliegen. Eins davon ist verfasst von einem „gewissen Wolfgang Leonhard“ (1921-2014), der 1949 mit dem Kommunismus brechen, über Jugoslawien nach Westdeutschland fliehen und dort das Buch „Die Revolution entlässt ihre Kinder“ (1955) schreiben sollte. Ein Bremer Brieffreund schickte ihm das Buch 1956, als er noch Lehrerstudent in Putbus war. Er hätte, schreibt er empört, dieses Buch „mit wachsendem Groll“ gelesen, da der Autor dort das Gegenteil von dem verträte, was er in den Schulungsheften geschrieben hätte. Der kritische Leser fragt sich, wieso SED-Mitglied Egon Krenz diese „Hetzschrift“ eines „Renegaten“ überhaupt ausgehändigt bekam und lesen durfte. Der 1939 geborene und in Jena lebende Buchdrucker Baldur Haase ließ sich 1958 von einem Duisburger Brieffreund George Orwells utopischen Roman „1984“ schicken und wurde deshalb zu drei Jahren Zuchthaus verteilt.

Überall gibt es in diesem Buch, wo DDR-Politik und ihre Auswirkungen auf die Bevölkerung erklärt werden, Ausflüchte und Entschuldigungen. Der Tod Stalins, des „Vaters der Völker“, am 5. März 1953, macht ihn orientierungslos: „Ich war wie gelähmt, fühlte mich auf einmal verwaist.“ Als er von „Stalins Verbrechen“ spricht, fügt er an, dass es auch „gesellschaftliche Umstände gab, die sein Handeln begünstigt haben.“ Vom Stalinisten Walter Ulbricht (1893-1973) und seinen Untaten spricht er nicht. Im Herbst 1956 nach dem XX. Parteitag der KPdSU ist er verwundert, dass die „Geheimrede“ „“über die Massenmorde Stalins nur in der Westpresse zu lesen ist. Sie wurde damals vom israelischen Geheimdienst konspirativ „besorgt“ und den Amerikanern zugeleitet. Erich Loest ist damals, anderthalb Jahre vor seiner Verhaftung 1957, von Leipzig nach Westberlin gefahren und hat sich vom SPD-Ostbüro ein Exemplar geben lassen.

In jener Zeit, als Oberschüler, liest Egon Krenz reihenweise sowjetische Romane, darunter Alexander Fadejews (1901-1956) „Die Junge Garde“ (1945) über einen Komsomolzen, der mit Gleichgesinnten 1942 in der Ukraine die deutschen Besatzer bekämpfte. Was er verschweigt, ist, dass der Autor als Sekretär des Schriftstellerverbands 1938/44 mehrere Kollegen an den Geheimdienst KGB ausgeliefert und sich deshalb am 13. Mai 1956 in seiner Datscha in Peredelkino erschossen hat.

Beim Schreiben seins autobiografischen Buches ging Egon Krenz offensichtlich davon aus, dass 33 Jahre nach dem Mauerfall fast alle Zeitzeugen verstorben sind, die ihn widerlegen könnten. So berichtet er von einem Vorfall am „Institut für Lehrerbildung“, wo eine Studentin nicht, wie angeordnet, übers Wochenende zu ihren Eltern gefahren ist, sondern zwei Tage mit ihrem Freund in einer Gartenlaube verbracht hat. Weil die „sozialistische Moral“ gefährdet ist, wird eine FDJ-Versammlung einberufen. Dank des mutigen Eingreifens von Egon Krenz wird die Studentin nicht bestraft. Im Roman „Beschreibung eines Sommers“ (1961) von Karl Heinz Jakobs (1929-2015) wird ein ähnlicher Vorfall geschildert, der aber ganz anders verläuft: Auf einer Baustelle in Schwedt an der Oder, wo ein Chemiewerk entsteht, verliebt sich ein parteiloser Ingenieur in eine verheiratete Genossin, weshalb die Partei eingreift und dafür sorgt, dass sich das Liebespaar trennt! Das geschah mehrere Jahre nach dem Vorfall in Putbus.

Auch was den Aufstand vom 17. Juni 1953 betrifft, vertritt Egon Krenz ganz eigene Ansichten als die Zeithistoriker, die Hunderte von Zeugen befragt und Dutzende von Archiven durchforscht haben. Zunächst einmal rechnet er im Kapitel „Mein 17. Juni“ die Zahlen der Beteiligten herunter: Von sechs Millionen Werktätigen hätten nur 500 000 teilgenommen. Wieso dann der russische Panzeraufmarsch? Dann zitiert er in voller Länge den Brief, den der Ostberliner „Stückeschreiber“ Bertolt Brecht (1898-1956) noch am 17. Juni an Walter Ulbricht geschrieben hat und regt sich überhaupt nicht darüber auf, dass von diesem Brief nur der letzte Satz im „Neuen Deutschland“ veröffentlicht wurde. Im Jahr 1988 brachte ihm ein Freund den Roman des DDR-Autors Stefan Heym (1913-2001) „Fünf Tage im Juni“ (1974) von der Frankfurter Buchmesse mit. Egon Krenz ist begeistert, weil der Schriftsteller mit Legenden aufräumt, die um den Aufstand herum entstanden sind, und bemüht sich um eine Edition in einem DDR-Verlag, was ihm misslingt. Wenige Monate vor dem Mauerfall, als das Buch nicht mehr „gefährlich“ ist, erscheint es im Buchverlag „Der Morgen“. Den überzeugendsten Roman über den 17. Juni, Erich Loests „Sommergewitter“ (2005), erwähnt er mit keinem Wort.

Aufschlussreich ist, was der flotte Schreiber Egon Krenz alles weglässt in seinem Buch, obwohl er davon sicher erfahren hat: Dass es in 40 DDR-Jahren nie freie Wahlen gab, verschweigt er; dass die „Junge Gemeinde“ der Evangelischen Kirche 1952/53 gnadenlos verfolgt wurde, kommt nicht vor; die Fluchtbewegung 1945/61 über die offene Grenze nach Westberlin sucht man vergebens; die Schauprozesse gegen Andersdenkende und überhaupt die politische Strafjustiz werden ausgespart wie auch die Zustände in den DDR-Zuchthäusern!

Das Buch endet 1974, im Folgeband, der schon angedroht ist, wird der Autor auch von der „chinesischen Lösung“ , die er bei den Leipziger Demonstranten im Herbst 1989 anwenden wollte, sprechen müssen. Man darf gespannt sein!

Egon Krenz „Aufbruch und Aufstieg. Erinnerungen“, Verlag edition ost, 288 Seiten, 24.00 Eur0, Berlin 2022

Über Jörg Bernhard Bilke 230 Artikel
Dr. Jörg Bernhard Bilke, geboren 1937, studierte u.a. Klassische Philologie, Gemanistik und Geschichte in Berlin und wurde über das Frühwerk von Anna Seghers promoviert. Er war Kulturredakteur der Tageszeitung "Die Welt" und später Chefredakteur der Kulturpolitischen Korrespondenz in der Stiftung ostdeutscher Kulturrat.