Wilhelm Drach Malerei 1970-2020

von Barbara Drach-Hübler im Hirmer Verlag

Barbara Drach-Hübler (Hrsg.): Wilhelm Drach Malerei 1970-2020, Hirmer Verlag, München 2021, ISBN: 978-3-7774-3714-9, 49,90 EURO (D)

Der österreichische Künstler Wilhelm Drach schafft Gegenwartskunst in alter Technik. Drach baut seine Farben aus mehreren lasierenden und opaken Schichten von Acrylfarben auf, um ihnen Intensität, Tiefe und zugleich Feinheit zu verleihen. Zwischen Abstraktion und Gegenständlichkeit legt er die Bedeutung auf die Formulierung des Bildes durch Farbe. Seine Ideen werden in vielen Arbeitsschritten umgesetzt, erscheinen jedoch als Bilder spontan und intuitiv. Der opulente Band, der gleichzeitig in deutscher und englischer Sprache erscheint,  präsentiert die Facetten eines 50 Jahre währenden künstlerischen Schaffens. 

Schon im Vorwort von Dieter Ronte wird das Charakteristische von Drachs Malerei deutlich gemacht. 

Das Werk von Drach ist durchdrungen von Komplexität, Vielfalt, Widersprüchen ohne eigene Gesetzlichkeiten. Es ist Ausdruck einer humanen, nachdenklichen Existenz ohne theoretische und stilistische Regeln, die als Veränderungen der künstlerischen Phantasie Einschränkungen bewirken würden. (S. 9): „Er verbindet Direktheit mit Komplexität, Unmittelbarkeit mit Erfahrung, Spontaneität mit konzeptionellen Strukturen, Erfahrung (invenit) mit Wiederholung (incisit), Erfahrungen mit neuen Einordnungen. Der Betrachter erfährt eine andere spannende visuelle Verordnung von Welt.“ (S. 10) Drach vermeidet den Verlust an Mehrdeutigkeit oder Vielfalt.

Diese Bilder werden in einem langsamen Prozess hergestellt, das Problem der endgültigen Fertigstellung „wird quasi ein Kampf mit sich selbst und dem Bild oder dem Bild mit sich selbst, die den Künstler schon Anfang der achtziger Jahre begleitet.“ (S. 10)

Danach werden Drachs frühe Arbeiten von 1970 bis 1981 gezeigt. 

In einem weiteren Essay von Dieter Ronte wird auf Drachs gemalte Denkmöglichkeiten eingegangen. Gemalte Denkmöglichkeiten bedeutet „das Auflehnen in Form einer Auseinandersetzung mit der Tradition (…), zugleich Infragestellung der eigenen Position und auch Situation, in dem Bewusstsein, dass Kunst als autonome Strömung eines Individuums sich mit äußerster Fragilität präsentiert (…).“ (S. 39) Drach ist „schöpferisches Kraftfeld, das zum Ausdruck drängt“ und eine Unabhängigkeit von gegenständlich und abstrakt betont. (S. 37)

Es folgen Drachs Arbeiten mit Figuren und Köpfen von 1980 bis 2001. Anschließend werden seine abstrakten Arbeiten von 1987 bis 2001 präsentiert. Danach beschäftigt sich Brigitte Borchhardt-Birbaumer mit den Mitte der 1990er Jahre entstandenen Diptychen, in sich zweigeteilten Farbfeldkombinationen. In den Gegensätzen sind Zusammenhänge vorhanden, die spannungsreiche Opposition folgt einer Kombination. Die Diptychen werden dann präsentiert. Dann folgt ein Essay über die Bildserien Drachs 2000-2001. Die schnell entstandenen Einzelstücke sind eine Befreiung von der formalen Strenge der Diptychen mit ihren haptisch-optischen Konfrontationen. Es findet ein Loslassen in Richtung Spontaneität, Emotion im Sinne einer malerisch-offeneren Fläche statt. Die Bildserien werden danach illustriert, dem folgen Köpfe von 2000 bis 2019. 

Die 2006 entstandenen 30+30 cm Bilder, Collage und Acryl auf Leinwand, kommen dann an die Reihe. Weiter geht es mit Drachs Landschaftsbildern.  

Für Clara Kaufmann zieht sich Drachs Vorliebe für Widersprüchlichkeiten wie ein roter Faden auf verschiedene Weisen durch sein Werk. Im Folgenden wird dies in ihrem Beitrag anhand der Bereiche Spontan/Plan, gegenständlich/ungegenständlich, Alte Meister/Neuer Anstrich analysiert. Zum Abschluss werden noch die zwischen 2002 und 2020 entstandenen Figuren Drachs abgedruckt.

Immer wieder zwischen den Kapiteln gibt es schwarz-weiß Aufnahmen von Drach bei der Arbeit in seinem Atelier. 

Im Anhang findet man eine kurze Biografie, eine Auflistung von Arbeiten im Besitz öffentlicher und privater Sammlungen, eine Auswahl von Einzel- und Gruppenausstellungen sowie einen Index.

Dies ist wohl die ausführlichste Analyse mitsamt Werkverzeichnis über Wilhelm Drach, die die Entwicklungslinien seiner Kunst in 50 Jahren darstellt. Die am häufigsten auftretenden Themen in Drachs Malerei sind Frauenbilder, Köpfe und Landschaften. Es ist eine zeitlose, persönlich, reflektierte Malerei mit dem Hang zu Widersprüchlichkeiten und fehlender Eindeutigkeit. Leider fehlt eine ausführliche Biografie, die Verbindungen zwischen Leben und Werk hätte aufzeigen können. 

Über Michael Lausberg 423 Artikel
Dr. phil. Michael Lausberg, studierte Philosophie, Mittlere und Neuere Geschichte an den Universitäten Köln, Aachen und Amsterdam. Derzeit promoviert er sich mit dem Thema „Rechtsextremismus in Nordrhein-Westfalen 1946-1971“. Er schrieb u. a. Monographien zu Kurt Hahn, zu den Hugenotten, zu Bakunin und zu Kant. Zuletzt erschien „DDR 1946-1961“ im tecum-Verlag.